Wohnen im Alter: Was es braucht

Wohnen im Alter: Was es braucht

Stefan Gyr | 18. Mai 2018 | Szene

Die meisten Menschen möchten möglichst lange zu Hause wohnen. Mit der demografischen Alterung steigt der Bedarf an Kommunikationstechnologien, Dienstleistungen und Unterstützungsangeboten. Eine wichtige Rolle spielt auch das Quartier: Der soziale Austausch und kurze Wege tragen zur Lebensqualität bei.

Rentner und Senioren – das war einmal. Heute spricht man von Golden Agers oder der Silver Society. Denn wir werden immer älter, leben immer länger gesund und bleiben bis ins hohe Alter fit und produktiv. Gemäss Prognosen von Zukunftsforschern nimmt die Weltbevölkerung zwischen 2000 und 2050 von 6 auf 9,3 Milliarden Menschen zu. Gleichzeitig steigt die Zahl der über 60-Jährigen von 600 Millionen auf 2 Milliarden, was einem Wachstum von 330 Prozent entspricht. Die Schweiz ist heute das Land mit dem dritthöchsten Altersdurchschnitt nach Japan und Italien.

Zuhause alt werden: Die meisten älteren Menschen leben in Bestandsbauten, die oft günstigen Wohnraum bieten. (Bild: Shutterstock)

Zuhause alt werden: Die meisten älteren Menschen leben in Bestandsbauten, die oft günstigen Wohnraum bieten. (Bild: Shutterstock)

«Es gibt kaum einen gesellschaftlichen Bereich, in dem wir heute schon ausreichende Antworten für die immensen Veränderungen der kommenden Jahre haben», sagt Marie Glaser. Die Kulturwissenschaftlerin leitet seit 2015 das ETH-Wohnforum in Zürich. Die diesjährige Tagung drehte sich um die demografische Alterung der Gesellschaft und den weitverbreiteten Wunsch, möglichst lange zu Hause zu wohnen. «Ageing in place» lautet das Schlagwort.

Vielfalt und Heterogenität nötig
Gerade die steigenden Gesundheitskosten sind laut Glaser eine Herausforderung für unsere auf sozialen Systemen aufbauenden Gesellschaften. Durch die demografische Entwicklung entstehen aber auch neue Märkte. Denn damit steigt der Bedarf an Kommunikationstechnologien, Dienstleistungen und Unterstützungsangeboten. Dies beeinflusst auch die Entwicklung des Wohnbaus und die Bewirtschaftung des Bestands. Herausgefordert seien jetzt die Raumentwickler, die Bau- und Immobilienbranche, die Akteure der Wirtschaft und der Alterspolitik, die Zivilgesellschaft und das Sozial- und Gesundheitswesen, erklärt Glaser. «Wir werden nicht nur immer älter, sondern altern auch anders und vielfältiger.»

Zum Älterwerden gesellt sich das «Down Ageing»: Statt sich in den Ruhestand zu begeben und sich zu erholen, nehmen die älteren Semester selbstverständlich am Gesellschaftsleben teil – in Ehrenämtern, aber auch in Erwerbstätigkeiten. Auch ihre Wohnbedürfnisse verändern sich. Vonnöten sind für Glaser Vielfalt, Heterogenität und Lösungen für die unterschiedlichen Wohnsituationen. Es brauche deshalb neue Wohnformen, die besser passen, altersgerecht sind und der Vereinsamung im Alter entgegenwirken.

Anreize für Wechsel fehlen
Die Gründe dafür sind einerseits bei der Regulierung im Wohnungsmarkt zu suchen. Je länger wir in einer Wohnung leben, desto preisgünstiger wird sie – relativ betrachtet. Damit fehlen Anreize für einen Wohnungswechsel. Warum sollte man aus einer Fünfeinhalbzimmer-Wohnung ausziehen, wenn die Neubauwohnung mit dreieinhalb Zimmern teurer ist? Zudem konzentriere sich der Wohnungsneubau auf Einheiten mit drei und mehr Zimmern. Die Wohnungsgrundrisse sind in Neubauten deutlich grosszügiger als in Bestandsbauten. Dies verteuert neue Wohnungen zusätzlich. Die älteren Menschen werden überdies auf dem Wohnungsmarkt durch die Digitalisierung und die schnelle Vergabe benachteiligt. Oft erhält der erste einigermassen passende Interessent den Zuschlag. Auf der anderen Seite sind 72 Prozent der Personen im Rentenalter mit ihrer Wohnsituation zufrieden, obwohl viele in Einfamilienhäusern auf dem Land mit zu viel Wohnfläche leben. Bei den unter 35-Jährigen sind dies nur 27 Prozent. Auch die Wichtigkeit von altersgerechten Ausstattungs- und Lagemerkmalen der Wohnung steigt kaum mit dem Alter – trotz besseren Wissens. Auf Barrierefreiheit legen nur knapp 25 Prozent der Älteren Wert.

Elektronische Hilfsmittel im Alltag
Elektronische Assistenzsysteme können das alltägliche Leben älterer Menschen daheim unaufdringlich unterstützen. Ambient Assisted Living (AAL) werden diese Technologien genannt. Die AAL-Forschungsgruppe am iHomelab der Hochschule Luzern (HSLU) hat zum Beispiel den Würfel «Relaxed Care» entwickelt. Dahinter verbirgt sich ein auf Sensortechnik gestütztes Kommunikationssystem, das eine ständige Verbindung zwischen Betagten und Angehörigen herstellt. Das ermöglicht eine dezente Kontrolle. Wenn alles in Ordnung ist, schimmert der Würfel grün.

Die eigenen vier Wände, Kommunikationstechnologien und Dienstleistungen reichten aber nicht, sagt Ulrich Otto, Forschungsleiter am Institut Careum. Vor allem im hohen Alter, wenn das Leben beschwerlich wird, brauche es «Caring Communities»: Sorgende Gemeinschaften in einem Quartier, in denen jeder Mensch Mitverantwortung übernimmt. Räumliche Infrastruktur, Technik und Services – alles muss laut Otto systematisch in den Dienst dieser Gemeinschaften gestellt werden: «Was die Welt im Innersten zusammenhält, sind immer noch Menschen in ihren Bindungen und Verbindungen. Jeder Franken, der in bessere soziale Netzwerke investiert wird, hält sogar länger gesund.»

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