Von Docu-Girls und Dokumentalistinnen

Von Docu-Girls und Dokumentalistinnen

Isabelle Zürcher | 26. Jun 2020 | Szene

1968, im selben Jahr als die Studenten weltweit auf die Strasse gingen und Jimi Hendrix sein legendäres Monsterkonzert im Zürcher Hallenstadion spielte, beschritt auch die Schweizer Baudokumentation mit einem modernen Verteilservice neue Wege: Sogenannte Dokumentalistinnen flitzten mit feuerroten Simcas 1000 kreuz und quer durch die Schweiz, besuchten Architekten und Planer und versorgten sie mit aktuellen Branchennews.

Ein Doku-Girl als Verkörperung des Verteilservices der Schweizer Baudokumentation

«Here she comes» hiess es verheissungsvoll im Heft Nr. 2 der Documentation, der Firmenzeitschrift der Schweizer Baudokumentation (SBD). Gemeint war die Dokumentalistin, auch Docu-Girl genannt, die Verkörperung des neu eingeführten Verteilservices. Gegen Ende des Jahrzehnts zollte die Schweizer Baudokumentation den umfassenden Umwälzungen der 1960er-Jahre Tribut. Die erhöhte Innovationsgeschwindigkeit und das gesteigerte Bedürfnis nach Aktualität verlangten nach einer flexibleren Form der Information. Darum ersetzte ab Herbst 1968 das Losblattsystem die gebundenen Kataloge, welche seit 1930 vom Bund Schweizer Architekten (BSA) herausgegeben worden waren. Es befähigte die Schweizer Baudokumentation innerhalb von drei Monaten die gesamte schweizerische Baufachwelt über ein neues Produkt zu informieren.

«Verbergen Sie die Documentation 2 vor den Augen Ihrer Mitarbeiterinnen» stand weiter unten im wohl nicht ganz ernst gemeinten «Hinweis an den Chef». «(…) wenn Ihre Mitarbeiterinnen lesen, dass sie mit dem eigenen Wagen diesem interessanten Job nachgehen können, riskieren Sie, sie zu verlieren!»

Tatsächlich war der Beruf der Dokumentalistin damals einzigartig und sicherlich attraktiv: die selbstständige Einteilung der Arbeitszeiten, der direkte Kundenkontakt, die hohe Eigenverantwortung und nicht zuletzt ein eigener Wagen – der feuerrote Simca 1000, bedruckt mit dem Logo der Schweizer Baudokumentation – bewogen viele junge Frauen dazu, sich zu bewerben. Die National-Zeitung Basel nannte 400 Anwärterinnen.

Die Flotte der Docugirls mit ihren roten Simcas
Die vielen Autofahrten ohne Navigationsgerät und Smartphone waren ein Stück abenteuerlicher als heute. Auch das machte diesen Job für viele so attraktiv. Foto: Docu Media Schweiz

Der Minirock-Mythos

Heute setzen die markigen Werbesprüche der 70er-Jahre das «#MeToo»-sensibilisierte Warnsystem in Alarmbereitschaft: «Unsere Mädchen tun wirklich alles für unsere Kunden.» oder «Denken Sie nicht an einen Call-Girl-Ring, wenn wir von unseren Docu-Girls sprechen. Auch dann nicht, wenn wir tatsächlich 20 junge, reizende Mädchen beschäftigen.» Dieses Image wurde verstärkt durch die mannigfach verbreitete Anekdote, dass Architekten die Ordner der Schweizer Baudokumentation extra in die obersten Regale stellten, damit die «Docu-Girls» im kurzen Jupe eine Leiter benutzen mussten, um sie zu erreichen. Im Gespräch mit einer ehemaligen Dokumentalistin, die anonym bleiben will, stellt sich schnell heraus: Mit dem Bild der netten Hostess hatte die Realität nicht viel gemein und die Models im Minirock waren eine kurze Erscheinung der Initialphase. Die Frauen brachten gute Ausbildungen mit, waren zum Beispiel Maschinenbauzeichnerinnen und hatten keine Mühe, sich in der von Männern dominierten Baubranche zurecht zu finden. An der Bezeichnung «Docu-Girl» habe sie sich nie gestört und Probleme mit Männern habe es während der gesamten Zeit nicht gegeben, betont die heute pensionierte Dame, die 40 Jahre in diesem Beruf gearbeitet hat. Nur das «Girl» habe irgendwann nicht mehr so ganz gepasst, meint sie lachend.

Unsere Docu-Girls fahren für Sie jährlich über zehnmal um die Erde
Von 1968 bis 2010 besuchten die Docu-Girls mehrmals jährlich ihre Kunden. Durch den persönlichen Kontakt entstanden enge Kundenbindungen. Foto: Docu Media Schweiz

«Eine der wesentlichen Stützen der Schweizer Baudokumentation»

In der Anfangszeit besuchten die 20 regional tätigen Dokumentalistinnen jeden Abonnenten fünf Mal im Jahr, ordneten die Ergänzungssendungen ein und entfernten nicht mehr aktuelle Publikationen.

Nach anfänglicher Skepsis – zumeist vonseiten der BSA-Kunden, etablierten die «Docu-Girls» eine wertvolle und langfristige Kundenbindung. Dank ihnen erfuhr die Schweizer Baudokumentation direkt, was die Baufachwelt umtrieb. Der Umgang mit den Kunden war freundschaftlich, man nahm an den obligaten Kaffeepausen teil und sprach auch über Privates. Rührende Gesten der Wertschätzung, zum Beispiel wenn ein Architekt extra Schokolade kaufen ging, um sich vor seiner Pensionierung persönlich zu verabschieden, untermauern diese Sichtweise. Aus guten Grund wurde der «Docu-Girl-Dienst» als «(…) eine der wesentlichsten Stützen der Schweizer Baudokumentation» bezeichnet.

Eine Documentalistin flitzt mit dem Simca durch die Gegend
Corporate Identity der Schweizer Baudokumentation in den Sechziger- und Siebzigerjahren: Ein Docu-Girl im roten Simca 1000. Foto: Docu Media Schweiz

Dokumentalistinnen auf Tour

Mit der Zeit wuchsen der Aufgabenbereich und die Anforderungen. Auch Kundenakquise auf Provision, Meinungsforschung und zuletzt auch Produktepräsentationen gehörten zum Job. Langeweile kam nie auf. Neben den alltäglichen Tücken wie dem engen Zeitplan, der Orientierung ohne Navigationssystem und der Kommunikation über Telefonkabinen, waren es die besonderen Herausforderungen, welche für genug Abwechslung und Spannung im Arbeitsalltag sorgten: Sei es verschneite Passhöhen ohne Schneeketten zu überwinden, sich mit exzentrischen Architekten zu arrangieren oder unvorbereitet ein Verkaufsgespräch vor 30 Kaderleuten zu halten.

Im Zuge der Digitalisierung und nach Wechseln in der Führungsspitze wurde die Dienstleistung 2010 schliesslich eingestellt. Nach wie vor begegnen Redaktoren und Redaktorinnen der Schweizer Baudokumentation Architekten, die sich fast ein wenig wehmütig an diesen Service und die gern gesehenen Besucherinnen erinnern.

Erstveröffentlichung: Magazin der Schweizer Baudokumentation 2020 - 4

Schweizer Baudokumentation

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