Vom Scheitern und Weitermachen - Swissbau Fuckup-Night

Vom Scheitern und Weitermachen - Swissbau Fuckup-Night

Sonja Randjelovic | 4. Feb 2020 | Swissbau 2020

Unter dem Motto «Trial and Error – Mut für Neues?» fand im Rahmen der Swissbau 2020 die erste Fuckup-Night der Schweizer Baubranche statt. Unternehmer aus der Bau- und Immobilienbranche erzählen, wie sie mit ihren Ideen und Projekten gescheitert sind und was sie daraus gelernt haben.

Swissbau Fuckup-Night
Die Moderatorin Tanya König führte durch den Abend | © Sonja Randjelovic


Die Arena des Swissbau Focus war bis auf den letzten Platz besetzt, als mit Pauken und Trompeten der Basler Blasmusikband «Brass Department» die Fuckup-Night eröffnet wurde. In mittlerweile über 80 Ländern weltweit wird das Scheitern von Firmen und Produktideen als Eventformat regelrecht zelebriert. Musik und eine gelöste Stimmung gehören zum Konzept und sollen die Thematik in einen positiven Kontext setzen. Schliesslich sind es gerade die Misserfolge, aus denen man lernt und die dadurch Produkte und Prozesse verbessern. «Wer nicht wagt, der nicht gewinnt», so ein bekanntes Sprichwort. Im Umkehrschluss bedeutet das: Will man Erfolg haben, braucht es Mut. Denn nicht jede neue Idee führt zum Erfolg und es besteht immer das Risiko, mit Projekten zu scheitern. Unsere Arbeitswelt ist auf Erfolg getrimmt, Niederlagen passen da nicht recht dazu. Vergessen wird oftmals, dass man durch Fehler sehr viel dazu lernt. Auch wenn ein Projekt nicht von Erfolg gekrönt ist, sammelt man dabei wertvolle Erfahrungen und eignet sich viel Wissen an. Kann man seine Erkenntnisse ohne Angst vor negativen Reaktionen mit anderen teilen, profitieren alle davon.

Konkurrenz für Google

Noch tut man sich in der Schweiz schwer, offen über seine Niederlagen zu reden. An der Swissbau Fuckup-Night sprachen mutige Unternehmer von ihren gescheiterten Projekten. Antje Kunze gründetet 2012 mit ihrem Ehemann und zwei Kollegen das ETH-Spinoff «Smarter better Cities». Das Zürcher Start-up entwickelte eine smarte Software für Stadtplaner, welche die Planungsprozesse verbessern sollte. Die Idee bestand darin, Städte mit digitalen Arbeitswerkzeugen dabei zu unterstützen, städtebauliche Entwicklungen zu visualisieren und lebenswerte Orte zu schaffen. Das Projekt war visionär und konkurrenzierte damals sogar Google. Doch während der Suchmaschinenriese für ein ähnliches Projekt 40 Mio. US-Dollar zur Verfügung hatte, war das Kapital von Antje Kunze und ihrem Team zehn Mal tiefer.

Das kleine Unternehmen startete erfolgreich und gewann als ersten Kunden die Stadt Zürich. Das Zonengesetz wurde in ein dreidimensionales, parametrisches Modell implementiert. Durch die intelligente Verknüpfung der digitalen Daten konnten die Stadtplaner verlässliche Szenarien durchspielen und beispielsweise die Auswirkung der Aufzonierung bestimmter Flächen auf die Ausnutzungsziffer räumlich darstellen.

Die digitale Cloudplattform von Antje Kunze transformierte technisch hochstehende Analysen und Berechnungen in einfache städtebauliche Simulationen. Daten von unterschiedlichen Programmen wie Revit, Archicad oder ESRI wurden automatisch konvertiert, mit vorhandenen Geoinformations-Daten verknüpft und daraus erweiterte geografische Informationen generiert. Interaktive 3D-Grafiken sollten die Planungsprozesse vereinfachen und die Zusammenarbeit von Entscheidungsträgen unterstützen.

«Ich habe komplett unterschätzt, wie lange es braucht, bis der Markt neue Technologien nutzt.»
Antje Kunze, Mitgründerin «Smarter better Cities»


«Und dann war es vorbei!»

Mit der Zeit kamen immer mehr Funktionalitäten hinzu und die anfangs einfache und intuitive Software wurde komplexer. Die grosse Masse konnte nicht erreicht werden. Hinzu kam, dass die Verkaufs-Zyklen bei Verwaltungen sehr lange dauern und über den Kauf oftmals erst nach einem Jahr entschieden wird. Trotz grosser Kunden wie Harvard und Implenia musste das Unternehmen 2017 Insolvenz anmelden. Dieser Moment sei der schwierigste und emotionalste Moment ihrer Karriere gewesen, so Kunze. «Als Inhaber eines Start-ups brennt man für sein Produkt.» Vergeblich habe sie noch weltweit bei über 100 Inverstoren gepitcht. Schlussendlich wurde das Büro aufgelöst. «Und dann war es vorbei!»

Antje Kunze arbeitet heute als Director Sales & Marketing bei virtualcitySystems. Die Firma ist spezialisiert auf Systemlösungen für 3D-Geodaten. Es sei sehr schön zu sehen, dass aufgrund der Erfahrung bei Smarter better Cities alle ehemaligen Mitarbeiter tolle neue Jobs im Bereich von Smart City und Virtual Reality gefunden haben, so Kunze.

Als Hautgrund für das Scheitern nennt sie die Schwerfälligkeit in Bezug auf den technologischen Wandel: «Ich habe komplett unterschätzt wie lange es braucht, bis der Markt neue Technologien nutzt.» Es benötige sehr viel Zeit, bis sich etablierte Workflows respektive Arbeitsprozesse ändern. Zeit, welche Start-ups oft nicht haben. «Wir waren damals einfach zu früh.»

Der Technologie voraus

Ein Verfechter von Innovation und Unternehmertum in der Schweiz ist Prof. Dr. Roland Siegwart, Leiter des Instituts für Robotik und intelligente Systeme an der ETH. Er hat mehrere Spin-offs mitgegründet und kennt die Problematiken, mit denen junge Unternehmen konfrontiert sind. «Vor allem Start-ups, die aus Hochschulen kommen, sind der Technologie meist weit voraus. Es braucht einen langen Atem um die Zeit zu überbrücken, bis der Markt reif ist.» Erfolgversprechender seien kleinere Schritte und ein tieferer Innovationsgrad, bis der technologische Wandel vollzogen ist. Wichtig seien auch visionäre Investoren, die an das Produkt glauben und das Start-up über einen längeren Zeitraum unterstützen.

Versuchen – Scheitern – Weitermachen

Im Startup-Mekka Silicon Valley in Kalifornien sind Misserfolge eine Selbstverständlichkeit. Laut Siegwart scheitern in den USA neun von zehn Startup-Firmen. Spott und Häme braucht man deswegen nicht zu fürchten. Längst hat man verstanden: Will man innovative Produkte entwickeln, gehören Fehler dazu. Weltmarktführer kann nur werden, wer weiter denkt als seine Konkurrenten und den Mut aufbringt, Neues zu wagen. Manager, die durch Scheitern wertvolle Erfahrungen gesammelt haben, gelten in den USA als besonders gut qualifiziert. Der unverkrampfte Umgang mit Misserfolgen und das Zugestehen von Fehlern scheint ein wichtiger Erfolgsfaktor für Unternehmen zu sein. Werden Mitarbeiter ermutigt, Eigeninitiative zu ergreifen und pro-aktiv Ideen einzubringen, ohne dabei negative Konsequenzen befürchten zu müssen, wird das Unternehmen leistungsfähiger.

Gelebte Fehlerkultur

Langsam findet auch in Europa ein Umdenken statt und die gelebte Fehlerkultur erfährt auch in Schweizer Firmen Zuspruch. Firmen haben erkannt, wie wichtig ein positiver Umgang mit Misserfolgen ist. Etabliert man eine Firmenkultur, in welcher offen über gescheiterte Projekte und Niederlagen gesprochen wird, profitieren alle davon. Fehler werden analysiert und ausgemerzt, Prozesse verbessert und Produkte weiter entwickelt. Werden Fehler als willkommene Chance zur Verbesserung eingestuft, sind Mitarbeiter motivierter, sich zu engagieren und Verantwortung zu übernehmen. Eine positive Fehlerkultur ist somit ein entscheidender Wettbewerbsvorteil.

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