Tageslicht-Symposium

Tageslicht-Symposium

Stefan Gyr | 17. September 2019 | Szene

Heraus aus dem Schattendasein
Gebäude mit genügend Sonnenlicht erhöhen das Wohlbefinden der Menschen. Doch in der Architektur wird die natürliche Beleuchtung als Gestaltungsmittel oft vernachlässigt. Eine neue Norm soll die Tageslichtverhältnisse in Innenräumen verbessern. Ein Hindernis ist aber die verdichtete Bauweise.

Anwalt des Tageslichts: Björn Schrader leitet die Plattform «Licht@hslu» an der Hochschule Luzern.


Er will das Tageslicht aus seinem Schattendasein befreien: Björn Schrader, Leiter der Themenplattform «Licht@hslu» an der Hochschule Luzern. «Das Licht der Sonne ist wichtig für unser Wohlbefinden und unsere Gesundheit, kostenlos und CO2-neutral», sagt er. Aber Schrader weiss: «Tageslicht hat keine Lobby – man kann damit kein Geld verdienen.» Um das Thema wieder mehr in das Bewusstsein der Fachwelt zu rücken, veranstaltete die Hochschule Luzern das erste Schweizer Tageslicht-Symposium. Über 100 Teilnehmer fanden sich auf dem Technik- und Architektur-Campus in Horw ein.

Hassliebe durch Zielkonflikte
In der Baukultur sei das Tageslicht als Gestaltungsmittel jahrelang vernachlässigt worden, erklärt Johannes Käferstein, Leiter des Instituts für Architektur an der Hochschule Luzern. In der heutigen Architekturausbildung kämen die Themen Tages- und Kunstlicht «eindeutig zu kurz». Laut Sebastian El Khouli, Geschäftsleitungsmitglied bei der Bob Gysin + Partner AG, besteht zwischen Architekten und dem Tageslicht eine «sehr enge, aber auch sehr schwierige Beziehung». Er spricht sogar von einer «Hassliebe». Denn bei der Tageslichtplanung sehen sich Architekten oft mehreren Zielkonflikten gegenüber.

Für gute Tageslichtverhältnisse braucht es grosse Gebäudeabstände, geringe Raumtiefen, mehrseitige Verglasungen, grosse Fensteranteile, Fenstergläser mit hohem Lichttransmissionsgrad und bester Farbwiedergabe, einen flexiblen Sonnen- und Blendschutz, hohe Reflexionsgrade und helle Oberflächen, eine abgestimmte Farb- und Materialwahl sowie eine Ergänzung mit Kunstlicht.

Aber eine verdichtete Bauweise, wie sie heute angestrebt wird, steht im Widerspruch zur Forderung nach grossen Gebäudeabständen. Eine offene, luftige Bauweise laufe auch dem Ziel zuwider, haushälterisch mit dem Boden umzugehen. In den Verglasungen stecke viel graue Energie. Und wenn Gebäude mit grosszügigen Glasfronten bestückt werden, müssen die Räume bei starker Sonneneinstrahlung mit Storen vor Überhitzung geschützt und verdunkelt werden, was wiederum den Einsatz von Kunstlicht erfordert. Auch die wirtschaftliche Wertschöpfung würde sich vermindern. Für eine hervorragende Tageslichtversorgung seien grosse Bauvolumen nötig, die in Erstellung und Unterhalt teurer seien.

AAuf dem Campus Horw unterhält die Plattform «Licht@hslu» einen drehbaren Lichtmesscontainer, in dem unter realen Bedingungen Themen wie zum Beispiel Gebäudeautomation, Tageslicht, Sonnenschutz und Komfort praktisch erforscht werden können.


Norm für Tageslicht
Im Juni ist nun die Norm EN 17037 in Kraft getreten. Damit liegt erstmals eine gemeinsame Bewertungsbasis für Tageslicht in Europa vor. Die neue Norm ist auch in der Schweiz anwendbar, wo sie SN EN 17037 heisst. Sie beschreibt den aktuellen Stand der Technik und richtet sich an Architekten und Gebäudeplaner. Sie unterstützt diese dabei, Räume erfolgreich mit Tageslicht zu planen. Die Norm legt Messgrössen für die Bewertung der Tageslichtverhältnisse und Grundsätze für die Berechnung und Verifizierung fest. Es handle sich um keine Mindestbedingungen, sondern um Empfehlungen.

Je grösser die Fenster eines Raums seien, desto mehr Tageslicht falle ein und desto weniger künstliche Beleuchtung sei nötig. Aber: Grossflächige Verglasungen erhöhten je nach der Exposition den Heizenergiebedarf im Winter und führten im Sommer zu Überhitzung. Nahe stehende Bauten beeinflussten die Tageslichtverhältnisse in Gebäuden stark, doch im Sinne der Raumplanung sei verdichtetes Bauen gewollt.

Das Munkegaard-Schulhaus bei Kopenhagen, 1956 von Arne Jacobsen erbaut, erreicht einen durchschnittlichen Tageslichtquotient von 6 Prozent. Damit hebt es sich positiv von den durchschnittlichen 3,5 Prozent eines heutigen Standardschulzimmers ab.


Grosses Optimierungspotenzial
Im Winter werde man früher oder später ein Energieproblem haben, und der sommerliche Wärmeschutz werde wegen des Klimawandels rasch an Bedeutung gewinnen. Doch die Menschen würden trotzdem eine gute Tageslichtversorgung in den Gebäuden fordern. Dies sei nur mit Technik möglich: Gebäudeautomation, Sonnenschutzgläser, Temperierung und Kühlung. Das Optimierungspotenzial bei der Gebäudetechnik ist nach der Einschätzung von Andreas Meyer Primavesi, Geschäftsführer des Vereins Minergie, noch gross. Wichtig sei es, das Gebäude als Gesamtsystem nie aus den Augen zu verlieren. Es gelte auch, Tageslichtnutzung und klimagerechtes Bauen nicht gegeneinander auszuspielen. «Und es geht nur mit den Architekten», so Meyer Primavesi. «Sie müssen wir überzeugen.»

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