«Station F»: Campus für Start-ups

«Station F»: Campus für Start-ups

Michael Koller | 19. Februar 2019 | Szene

«Station F» ist das Synonym für die Halle Freyssinet, die von Eugène Freyssinet in den 1920er Jahren entworfen wurde und nach Plänen des Pariser Architekturbüros Wilmotte & Associés Architectes und einer Initiative des Unternehmers Xavier Niel zu einem Campus für etwa 1000 Start-up-Unternehmen umgebaut wurde.

Die «Station F» ist nicht nur ein einfacher Inkubator für Start-up-Unternehmen, sondern in erster Linie ein baukonstruktives Denkmal, das von Ingenieur Eugène Freyssinet, dem französischen Pionier in der Entwicklung des vorgespannten Betons, konzipiert wurde und zur Zeit seiner Fertigstellung als auch heute als Symbol des Fortschritts und des wirtschaftlichen Aufschwungs gesehen wird.

Brutstätte für Start-ups in Paris (Bilder: Patrick Tournebœuf)

Brutstätte für Start-ups in Paris (Bilder: Patrick Tournebœuf)

Das als Frachtenbahnhof für den Bahnhof Austerlitz entworfene Gebäude liegt im 13. Gemeindebezirk von Paris, in unmittelbarer Nachbarschaft zur ikonischen, französischen Nationalbibliothek «Bibliothèque nationale de France, François-Mitterrand» von Architekt Dominique Perrault, und bildet mit einer Gesamtlänge von 310 Metern, einer Gesamtbreite von 72 Metern und einer lichten Höhe von 8,5 Metern selbst für heutige Verhältnisse einen wahren Giganten im städtischen Gefüge.

Vom Frachtenbahnhof zum Grossraumbüro
Nach der Ausschreibung eines Wettbewerbs 1926 durch die Eisenbahngesellschaft Paris-Orléans, den Eugène Freyssinet für sich entscheiden konnte, wurden die drei Hallen nach einer Bauzeit von nur 23 Monaten 1929 fertiggestellt und als Gepäck- und Paket- verladestation des Bahnhofs Austerlitz in Betrieb genommen. Nach mehreren Namensänderungen erhielt der Komplex im Jahr 2000 schlichtweg den Namen seines Entwerfers «Halle Freyssinet». Durch den Umbau der Hallen zu einem Grossraumbüro und das Einziehen von zwei bzw. drei Zwischendecken in den Seitenschiffen, die sich galerieartig zum Mittelschiff öffnen, wurden 12 000 Quadratmeter Büro- und Arbeitsflächen geschaffen und die Gesamtnutzfläche auf 34 000 Quadratmeter erhöht. Um zukünftige Veränderungen und Anpassungen zu ermöglichen, wurden die Decken der Galerien als demontable, weisse Stahlkonstruktionen ausgeführt, die an den bestehenden Stahlbetonstützen fixiert wurden. Um die hinzugefügten Lasten aufnehmen zu können, wurden die bestehenden Fundamente verstärkt.

Unsichtbare Anpassungen
Um die Energiebilanz des riesigen Bauwerks zu optimieren und dennoch die Betonbögen auf der Innenseite sichtbar zu lassen, wurden die Dächer auf der Aussenseite isoliert. Die Glasscheiben der zenitalen Lichtbänder wurden durch Isolierglas ersetzt und die vertikalen Aussen- und Zwischenwände durch Isolierglasscheiben geformt. Neben der thermischen Isolierung bestand eine der grossen Herausforderungen darin, die Akustik für die rund 3 300 zur Verfügung stehenden Arbeitsplätze in den Griff zu bekommen. Neben den Akustikdecken unter den Mezzaninen wurden unter den Glasbändern der beiden Seitenschiffe schallabsorbierende Baffeln abgehängt, die gleichzeitig die darüberliegenden Gitteroste der Laufwege für die Instandhaltungs- und Wartungsarbeiten verbergen, als Tageslichtfilter dienen und die Leuchtkörper integrieren.

Situation im Südwesten von Paris: Beim östlich gelegenen Gebäude an der Seine handelt es sich um die Bibliothèque François Mitterand. (Pläne: Wilmotte & Associés)

Eine Stadt in sich
Das offene und durch das gesamte Gebäude durchlaufende Grossraumbüro wird durch die 50 Container der Besprechungsräume strukturiert und rhythmisiert. Die massgeschneiderten Sitzungszimmer, die mit allen notwendigen Installationen für die Abhaltung von Videokonferenzen ausgestattet sind, öffnen sich mit raumhohen Fixverglasungen zum zentralen Schiff hin, wobei die Container des 1. Geschosses leicht über den Galerierand auskragen und in den Luftraum hineinragen. Die weisse und perforierte Wellblechhülle dieser meist übereinanderliegenden und doch losgelösten Sitzungszimmer dient der Schallisolierung. Doppelschalige Wände verhindern die Schallübertragung von innen nach aussen.

Die zwei Container bilden zusammen mit einem Küchenblock, dem Esstisch, einigen Schränken und Stauräumen, sowie den Toiletten das «Dorf»-Zentrum, auch «village» genannt, von denen es im Mittelteil des Bauwerks insgesamt 26 gibt. Jedes dieser Dörfer mit seinen rund 130 Arbeitsplätzen ist über zwei Treppen erreichbar, wobei eine ins Erdgeschoss und damit in die grosse zentrale Halle führt und die zweite als Nottreppe eine direkte Verbindung nach Aussen unter die längsseitigen Vordächer darstellt. Die zwei öffentlichen Passagen unterteilen das Bauwerk in drei funktionelle Bürozonen: Share – Create – Chill. Die 82 Meter lange Share-Zone – eine Art Forum – liegt am nordwestlich gelegenen, gepflasterten Vorplatz und dient als Drehscheibe und Treffpunkt zwischen den jungen Unternehmern und ihren externen Partnern. Dementsprechend wurde hier das 361 Personen fassende und in den Grund versenkte Auditorium situiert.

   
Die 123 Meter lange Create-Zone ist das eigentliche Herzstück des Inkubators mit den Arbeitsplätzen und der nötigen Arbeitsinfrastruktur für die Start-up-Unternehmen. Den Abschluss der Station bildet die 51 Meter lange Chill-Zone, ein 3500-Quadratmeter-Restaurant mit mehreren offenen Küchenblöcken und Bars, die über den offen gehaltenen und punktuell begrünten Raum verteilt sind. Einen Eye-Catcher bilden die beiden blauen Speisewagen, die auf den originalen Schienen frei im Raum stehen und an die Geschichte des Ortes erinnern.

Die Frage bleibt, ob das ambitiöse und integrative Projekt von Xavier Niel, Paris mit diesem Inkubator als digitales Ökosystem made in France auf die internationale Landkarte zu setzen, der Zeit und den wirtschaftlichen Schwankungen Stand halten wird. Tatsache ist jedoch, dass das architektonische Konzept das Potential, die Flexibilität und alle notwendigen technischen und infrastrukturellen Funktionen bietet, jegliche Firmen zu beheimaten. Die Station F ist aber vor allem ein Vorzeigeprojekt, wie man mit unserem baukulturellen Erbe umgehen kann und wie gut sich unsere historischen Industriebauwerke mit den Ansprüchen an eine zeitgenössische Arbeitsumgebung paaren lassen.

Standort: 5,Parvis Alan Turing, 75013 Paris, France
Bauherrschaft: SDECN, Xavier Niel
Architektur: Wilmotte & Associés, Paris
Architekt der Denkmalpflege: 2B2M
Geschossfläche: 34 034 m2
Arbeitsplätze: 3 036

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