Smarter Umbau der «Fondazione Agnelli»

Smarter Umbau der «Fondazione Agnelli»

Thomas Geuder | 2. Juli 2018 | Szene

In der jüngst umgebauten und digital ausgestatteten «Fondazione Agnelli» in Turin interagieren die Nutzer recht unbemerkt mit dem Gebäude, das seinerseits intelligent reagiert. Carlo Ratti Associati haben hier ein bemerkenswertes Beispiel der Smartifizierung des Arbeitsalltags geschaffen.

Das Gebäude als Zuschauer: Die «Fondazione Agnelli» wurde im Jahr 1966 anlässlich des 100. Geburtstags von Giovanni Agnelli gegründet. (Bilder: Beppe Giardino, Andrea Guermani)

Das Gebäude als Zuschauer: Die «Fondazione Agnelli» wurde im Jahr 1966 anlässlich des 100. Geburtstags von Giovanni Agnelli gegründet. (Bilder: Beppe Giardino, Andrea Guermani)

Auf den Familiennamen Agnelli reagieren hierzulande nur wenige. Automobil-Fans vielleicht, aber auch Architektur-Begeisterte mögen sich vielleicht erinnern, dass Giovanni Agnelli (1866-1945) im Jahr 1899 einer der Gründungsväter der «Fabbrica Italiana Automobili Torino» war, besser bekannt unter dem Namen FIAT. Auffälligstes architektonisches Wahrzeichen des Unternehmens ist das 500 Meter lange Hauptgebäude aus den 1920er-Jahren in Turin mit werkseigener Test- und Rennstrecke als Rund- parcours auf dem Dach. Von Renzo Piano wurde das Gebäude im Jahr 2002 (der Rundparcours ist mittlerweile stillgelegt) um die «Pinacoteca Giovanni e Marella Agnelli» ergänzt, ein aufgeständerter, silberfarbener Pavillon mit weit auskragendem Lamellendach in typisch Piano’scher Manier, von ihm selbst liebevoll als «Schrein mit fliegendem Teppich» benannt. Auch das gehört zum Namen Agnelli: Anlässlich des 100. Geburtstags von Giovanni Agnelli im Jahr 1966 wurde die unabhängige und gemeinnützige «Fondazione Agnelli» gegründet, mit Sitz in der ehemaligen Villa von Giovanni Agnelli in Turin, ergänzt durch einen Anbau, später ein wichtiges Zentrum für Design und Architektur.

Behutsam modernisiert
Fast 50 Jahre nach Stiftungsgründung stand nun die Renovierung des auffälligen klassizistisch-brutalistischen Ensembles an, die von Carlo Ratti Associati (ebenfalls aus Turin) gestemmt wurde. Seine architektonische Idee: Mit eleganten Ergänzungen soll sich das Gebäude mit Garten und Stadt verbinden. So ordnet er zunächst im Erdgeschoss einen Glaskörper mit einem Café als Treffpunkt für die Bewohner des Quartiers an. Der Garten – vom französischen Landschaftsarchitekten Louis Benech mit Obstbäumen gestaltet – ist künftig ein Ruhepol für die Mitarbeiter. Im Hauptgebäude wurde der historischen Treppe durch ein Oberlicht neues Leben eingehaucht. Das üppig hereinfallende Licht bringt das Kaleidoskop-ähnliche Kunstwerk «La congiuntura del tempo» (Die Konjunktion der Zeit) des Lichtkünstlers Ólafur Elíasson zum Strahlen. Sämtliche Büroräume wurden freigeräumt, damit sich die Mieter – eine multidisziplinäre Mischung aus Kreativen, Kapital-Investoren, Forschern und Lehrern – ihr Umfeld nach eigenem Gusto ausstatten können. Die Beleuchtung und die Klimatisierung sind unter der Decke angeordnet.

   
  • Der Architekt Carlo Ratti hat sich bei der Renovierung auf wenige architektonische Eingriffe konzentriert, wie etwa das Hinzufügen eines Glas-Pavillons im Erdgeschoss. (Bilder: Beppe Giardino, Andrea Guermani)

    Der Architekt Carlo Ratti hat sich bei der Renovierung  auf wenige architektonische Eingriffe konzentriert, wie etwa das Hinzufügen eines Glas-Pavillons im Erdgeschoss. (Bilder: Beppe Giardino, Andrea Guermani)
  • Die Innenräume sind nach der Sanierung gänzlich befreit von allem, was überflüssig sein könnte. (Bilder: Beppe Giardino, Andrea Guermani)

    Die Innenräume sind nach der Sanierung gänzlich befreit von allem, was überflüssig sein könnte. (Bilder: Beppe Giardino, Andrea Guermani)
  • Jeder Mitarbeiter trägt eine Art virtuelle Blase, die im Gebäudemanagementsystem digital definiert ist. Das System stellt die Räume ganz automatisch auf den jeweiligen Nutzer bzw. dessen «Bubble» ein. (Bilder: Beppe Giardino, Andrea Guermani)

    Jeder Mitarbeiter trägt eine Art virtuelle Blase, die im Gebäudemanagementsystem digital definiert ist. Das System stellt die Räume ganz automatisch auf den jeweiligen Nutzer bzw. dessen «Bubble» ein. (Bilder: Beppe Giardino, Andrea Guermani)
  • Für die Schnittstelle zwischen beiden Gebäudeteilen hat der Lichtkünstler Ólafur Elíasson das Kunstwerk «La congiuntura del tempo» geschaffen. Die «Verbindung» ist eines der zentralen Themen des Projekts. (Bilder: Beppe Giardino, Andrea Guermani)

    Für die Schnittstelle zwischen beiden Gebäudeteilen hat der Lichtkünstler Ólafur Elíasson das Kunstwerk «La congiuntura del tempo» geschaffen. Die «Verbindung» ist eines der zentralen Themen des Projekts. (Bilder: Beppe Giardino, Andrea Guermani)
  • Grundriss Erdgeschoss (Pläne: Carlo Ratti Associati)

    Grundriss Erdgeschoss (Pläne: Carlo Ratti Associati)
  • Grundriss 1. Obergeschoss (Plan: Carlo Ratti Associati)

    Grundriss 1. Obergeschoss (Plan: Carlo Ratti Associati)
  • Grundriss 2. Obergeschoss (Pläne: Carlo Ratti Associati)

    Grundriss 2. Obergeschoss (Pläne: Carlo Ratti Associati)
  • Grundriss 3. Obergeschoss (Pläne: Carlo Ratti Associati)

    Grundriss 3. Obergeschoss (Pläne: Carlo Ratti Associati)
  • Längsschnitt (Pläne: Carlo Ratti Associati)

    Längsschnitt (Pläne: Carlo Ratti Associati)
Die Blase immer dabei
Bemerkenswert ist die Technologie, die fast unbemerkt für eine gute Arbeitsatmosphäre sorgen soll: «Office 3.0» nennen die Planer ihr Konzept, mit dem sie das Zusammenleben von Mensch und Haustechnik auf ein neues Level heben wollen. Das Gebäude soll mitdenken, mitfühlen und individuell reagieren. Grundelement im digitalen Konzept ist der «Bubble», eine virtuelle Blase, die jeder Nutzer stets bei sich trägt, gefüllt mit Informationen eines individuellen Arbeitsambientes. Im Prinzip funktioniert das so: Das System ermittelt per Geolokalisierung und Low-Energy-Bluetooth stetig den aktuellen Aufenthaltsort jedes einzelnen Mitarbeiters und stellt die Raumbedingungen (Heizung, Lüftung, Kühlung und Beleuchtung) automatisch auf ihn ein. Dafür braucht es hunderte Sensoren, die die Temperatur, die CO2-Konzentration und andere Gebäudedaten messen – ohne aber den Mitarbeiter persönlich zu identifizieren, verspricht der Hersteller. Hinter alledem steckt ein auf Smartphones basierendes «Drei-Achsen-Indoor-Positioning-System», das in «Desigo CC» integriert ist, ein von Siemens entwickeltes Gebäudemangementsystem, basierend auf der Internet-of-Things-Technologie (IoT). Die Mitarbeiter ihrerseits müssen lediglich die entsprechende App installieren und sich per Wifi einloggen, um in den Genuss der digitalen Vorteile zu kommen. Mit der App kann man sich einchecken, mit Kollegen interagieren, Meeting-Räume buchen und natürlich die Umgebungseinstellungen individuell anpassen. Verlässt ein Nutzer einen Raum wieder, schaltet der Raum sofort in einen Standby-Modus. All das soll, so der Wunsch der Planer, bis zu 40 Prozent der Energie einsparen.

Gerne wieder ins Büro
«Warum sollten wir noch ins Büro gehen, wenn die Arbeit immer digitaler wird?», fragt Carlo Ratti provokativ, der auch Direktor des «Senseable City Lab» am «Massachusetts Institute of Technology» (MIT) ist. «Die zentrale Idee beim Agnelli-Projekt besteht darin, dass durch die nahtlose Integration digitaler Technologien in den physischen Raum eine bessere Verbindung zwischen Mensch und Gebäude geschaffen werden kann.» Mit seinem Projekt sehe er eine Vision erfüllt, die die Grenzen des Prä-Internet-Raums und die Isolation des digitalen Home-Office überwinde. Genau genommen ist das wieder ein höchst analoger Ansatz: Man geht gerne ins Büro, weil man dort optimale Arbeitsbedingungen vorfindet.

Standort: Fondazione Agnelli, Via Giuseppa Giacosa 38, Torino, Italia
Bauherrschaft: Fondazione Agnelli
Architektur: Carlo Ratti Associati (CRA),Torino, IT
Landschaftsarchitektur: Louis Benech, Paris, FR
Innenarchitektur: Natalia Bianchi Studio, Mailand, IT
Geschossfläche: 6626 m²
Grundstücksfläche: 2015 m²
Realisierung: 2017

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