Ökoprodukte sind im Bauwesen noch viel zu wenig gefragt

Ökoprodukte sind im Bauwesen noch viel zu wenig gefragt

Katharina Weber | 16. Mrz 2020 | Fachwissen

Die Sika Schweiz AG mit Hauptsitz in Zürich ist ist Teil der Sika AG, einem weltweit führenden Hersteller von Spezialitätenchemie für das Bauwesen und die Fertigungsindustrie. Die Firma entwickelt Produkte für den Rohbau, wie Betonzusatzmittel, Spezialmörtel, Dicht- und Klebstoffe, oder auch Systeme für die strukturelle Verstärkung.

Thomas Hirschi
Thomas Hirschi,
ist Bereichsleiter Beton/Abdichten und Mitglied der Geschäftsleitung bei Sika Schweiz AG in Zürich.

Beton steht wegen seines Zementanteils hinsichtlich Ökobilanz und Nachhaltigkeit in der Kritik. Gemäss der im Jahre 2019 von WWF Deutschland publizierten Studie «Klimaschutz in der Beton- und Zementindustrie» gehen acht Prozent der globalen Treibhausgasemissionen zu Lasten der Zementherstellung. In der Schweiz sind es neun Prozent.
Ist Beton überhaupt das Baumaterial der Zukunft?

Sika stellt selber keinen Beton her. In eine solche Ökobilanz fliessen jedoch verschiedene Aspekte ein. Woher kommen die Rohstoffe? Arbeitet man mit rezyklierten Anteilen oder nicht? Je nachdem kann eine Ökobilanz unterschiedlich ausfallen. Beton wird schon heute immer öfter rezykliert. Zudem ist er ein äusserst langlebiges Baumaterial und wird auch hinsichtlich Preis-Leistungs-Verhältnis in der Zukunft seine Berechtigung haben. In diesem Sinne muss man die ganze Bandbreite betrachten, um die Frage zu beantworten.

Beton und Abdichtungssysteme von Sika
Beton und Abdichtungssysteme – ökologische Produkte haben in der preisgetriebenen Baubranche immer noch schlechte Karten. Die Sika versucht, ihre Kunden für eine nachhaltige Prioritätensetzung zu sensibilisieren. Foto: Sika

Wie sieht bei Sika der Beton der Zukunft aus? Was sind hier die Entwicklungen?
Oberstes Ziel ist die CO2-Reduktion. Die Produkte von Sika sind ja nur ein Teil aller Ausgangsstoffe, die Beton enthält. Wir allein können die Zukunft daher nur bedingt beeinflussen. Wohin die Reise gehen wird, bestimmen in erster Linie die Kunden, also die Architekten, Bauherren und Baumeister. Abgesehen vom Baustoff selbst, gibt es auch weitere Möglichkeiten, den CO2-Ausstoss zu reduzieren. Beispielsweise kann man mit schlankeren Bauteilen und hochfesten Systemen viel Material einsparen. Die Entwicklungen führen in verschiedene Richtungen. Für Sika ist es wichtig, diese mitzutragen und kontinuierlich weiter zu entwickeln.

Betonbau
Neben ästhetischen Aspekten rückt bei Betonbauten auch die Nachhaltigkeit zunehmend in den Fokus. Foto: Sika

Viele Ihrer Produkte werden aus Erdölderivaten hergestellt. Woher beziehen Sie Ihre Kunststoffe und Abdichtungsmaterialien? Wie sieht die Entwicklung dieser Produkte bei Sika aus?
Der Hauptanteil der Rohstoffe stammt aus dem benachbarten Ausland, die Fertigprodukte werden grösstenteils in der Schweiz produziert. Dies hat unsere ganzen Warenströme optimiert und auf ein Minimum reduziert.

Bei der Produktentwicklung steht die Ökologie klar im Fokus. Zentrale Frage bleibt, wie weit der Markt schon dafür bereit ist. Immer noch ist der Preis die treibende Kraft bei den Zuschlagskriterien für Bauwerke. So lange die ökologischen Fragen weniger hoch gewichtet sind, wird auch die Nachfrage nicht vorhanden sein. Diese Erfahrung haben wir einst mit einem Öko-Fugenband gemacht.

Recyclingbeton wird in der heutigen Bauwirtschaft oft genutzt
Vorwiegend öffentliche Bauherren treiben die Entwicklung voran und schreiben ganze Siedlungen mit Beton aus rezyklierten Gesteinskörnungen aus. Foto: Sika

War das Produkt zu teuer, dass es keinen Anklang gefunden hat?
Ja, das ist so, obwohl es nicht viel teurer war, als das herkömmliche Produkt. Die Preissensitivität in der Baubranche ist enorm. Da steht Ökologie leider hinten an.

Minergie und auch andere Bauwerkszertifizierungen verlangen Abdichtungen und Beschichtungen, die ohne Lösungsmittel auskommen. Was bietet Sika diesbezüglich an?
Der Hauptteil unserer Produkte ist bereits lösemittelfrei. Sie wurden mit wasserbasierten Systemen ersetzt. Es gibt jedoch Spezialanwendungen, bei denen es schwierig ist, Alternativen zu bieten. Beispielsweise, wenn es um die Geschwindigkeit der Ablüftung und die Anwenderfreundlichkeit geht. Auch hier entscheidet letztlich wieder der Kunde, welches System er haben will.

Forschung und Entwicklung bei Sika
Forschung und Entwicklung sind ein wichtiger Baustein für zukünftige Lösungen und Systeme. Foto: Sika

Sie bieten seit Januar 2020 die Sika-Beton-App in Deutsch und Französisch zum gratis Download an. Was bietet die App und an wen richtet sie sich?
Die App bedient die Betonbranche, ist aber auch für Baumeister und Planer von Nutzen. Zum einen sind die wichtigsten Informationen zu den Produkten von Sika aufgeführt. Des Weiteren bietet die Applikation diverse praktische Tools. Zum Beispiel lassen sich Schwindwerte prognostizieren, die Dauer von Nachbehandlungen und normative Themen abfragen oder Produkte online bestellen.

«Mit der App kann man unsere Produkte online bestellen.»

Wie wichtig ist BIM, also Building Information Modeling, für Ihr Produkteangebot?

Unsere Hauptaufgabe ist die Aufbereitung unserer Produkt- und Systemdaten. Da sind wir auf der Höhe der Zeit und können sie jederzeit zur Verfügung stellen. BIM ist vor allem bei den Systemen, beispielsweise Flachdachabdichtungen, Bauwerksabdichtungen oder Bodenbeschichtungen gefragt.

Die Sika-Beton-App
In der traditionell geprägten Bauwirtschaft rückt die junge Generation nach, die nach digitalen Hilfen verlangt. Foto: Sika

Die Sika betreibt auch Forschung. In welche Richtung geht diese?
Bei Sika gehen jährlich 200 Millionen Franken in die Forschung. Es gibt 21 globale, 49 lokale und 21 regionale Technologiezentren, wobei die Schweiz der Hauptforschungsstandort ist. Über 1000 Mitarbeiter sind in der Forschung beschäftigt.

Die Forschungsgebiete sind ganz unterschiedlich. Bei Beton beispielsweise geht es um die Frage der CO2-Reduktion, wobei natürlich in erster Linie die Beton- und Zementproduzenten gefordert sind. Die Sika sieht es als Aufgabe, diese Kunden in ihrem Vorhaben zu unterstützen und die Akzeptanz von klinkerreduzierten Systemen voranzutreiben. Generell ist es ein Ziel, bei allen Produkten und auch in der eigenen Produktion den ökologischen Fussabdruck zu minimieren. Der Kundennutzen steht immer im Fokus. Zudem arbeiten wir mit verschiedenen Universitäten zusammen und sind beispielsweise bei «Horizon 2020», dem EU-Fördersystem für Forschung und Innovation, ebenfalls mit gewissen Themen involviert.

Das Interview entstand in Zusammenarbeit mit Sika Schweiz AG.


Sika Schweiz AG

Tüffenwies 16

8048 Zürich

Schweiz

Tel. 058 436 40 40

Fax 058 436 45 84

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