Odile Decq beim Architektur After Work

Odile Decq beim Architektur After Work

Jean-A. Luque | 18. November 2019 | Szene

Die Welt neu erfinden. Ist das noch möglich? Ein Thema, auf das Odile Decq im Rahmen der Eventreihe «Architektur After Work» im Oktober im Olympische Museum in Lausanne näher einging. Vor einem Fachpublikum, das zur ersten Ausgabe der Veranstaltung in der Westschweiz eingeladen war, gab die französische Architektin einen Einblick in ihre Arbeit und Sicht von Kreativität. Aus dem Blickwinkel einer starken Frau in einer Welt von Männern.

Odile Decq
Rockstar der Architektur: Mit ihrer unverwechselbaren Erscheinung wird Odile Decq selbst zur Ikone. Ihre bevorzugten Farben schwarz und rot bestimmen ihre Garderobe wie ihre Bauten. Foto: Daniel Blatti


«Wie viele Frauen sind heute Abend hier anwesend?», mit dieser Aussage wurde bereits der Rahmen gesteckt. Und die Antwort darauf war offensichtlich: eine Minderheit. «In den Architekturschulen gibt es immer viele Frauen, aber sie werden immer weniger», erklärt Odile Decq, eine der viel zu seltenen Star-Architektinnen auf der Welt. 60 Prozent der Architekturstudierenden sind Frauen. Aber sobald man in die Architekturbüros geht, sind es nur noch 30 Prozent, und nur knappe zehn Prozent werden dort Partner oder haben eine leitende Funktion. Wie können wir unter diesen Bedingungen die Welt neu erfinden? Und von welcher Welt reden wir hier?

60 Prozent der Architekturstudierenden sind Frauen. Aber in den Architekturbüros findet man nur knappe zehn Prozent in einer leitenden Funktion.

Die 60-jährige Frau, die gegen die Phallokratie kämpft, ist eine Architekturaktivistin. Sie ist in sämtlichen Bereichen vertreten, reist um die ganze Welt, um ihre Leidenschaft zu vermitteln, hat eine Schule gegründet, um ihre Begeisterung zu teilen, und schafft vor allem Werke, die unter Tausenden erkennbar sind. Decq erhielt zahlreiche Auszeichnungen, wie den Jane-Drew-Preis 2016 für Frauen in der Architektur und den Architizer Prize im Jahr 2017 für ihre Arbeit. Anlässlich der ersten Ausgabe des Architektur After Work in der Westschweiz, kam Odile Decq nun am 30. Oktober ins Olympische Museum in Lausanne.

Rockstar-Image
Ihr unverkennbarer Rockstar-Look, der unweigerlich an Robert Smith und The Cure erinnert, ist an sich schon ein Manifest ihrer Originalität. Ganz in Schwarz gekleidet, mit nur einem kleinen roten Farbtupfer an den Schuhen – ihre zwei bevorzugten Farben – und ihrer wilden Frisur erkennt man sie sofort, eine zeitgenössische Ikone der Architektur ohne Grenzen und Schranken.

Frac in Rennes
Schwarz und rot setzte Odile Decq auch bei der Gestaltung des Frac Bretagne, dem Kunstmuseum in Rennes, ein. Foto: Studio Odile Decq


«Die Architektur umfasst alle Disziplinen», fügt sie hinzu. «Architektur muss überall möglich sein und sich durchsetzen, in allen Bereichen und in jedem Massstab, vom kleinsten bis zum grössten. Architektur ist da, um die Welt neu zu erfinden, nicht nur um Häuser oder Gebäude zu bauen.» Und wenn Odile Decq ihr breites Spektrum an Projekten und Tätigkeiten präsentiert, dann wechselt sie von der Theorie zur Praxis. Abwechselnd, mal Architektin, mal Künstlerin, aber auch Stadtplanerin, Handwerkerin, Möbeldesignerin, Bootsausstatterin und Lampenschöpferin.

«Out of the box»
Dann zeigt sie ihre Meisterwerke: das Macro (Museum für zeitgenössische Kunst in Rom), der Frac (Regionalfonds für zeitgenössische Kunst in Rennes), das Nanjing Museum der Anthropologie in China, das Cargo (Startup-Inkubator in Paris), das Confluence Institute for Innovation in Lyon. Und jedes Mal erscheint diese Fähigkeit, «out of the box» zu denken, mit der Wahrnehmung von Raum zu spielen, an der Grenze des Gleichgewichts. Mit einigen Konstanten, die das Markenzeichen von Odile Decq sind: Kontraste wie Dunkelheit und Licht nehmen einen wichtigen Stellenwert ein und werden oftmals mit umhüllenden, leuchtend roten Formen kombiniert.

Toiletten sind Orte des Experimentierens!

Und dann sind da noch die Toiletten! Diese Orte, die oft in Ecken oder unter Treppen verbannt werden, sind für die bretonische Architektin ein Raum der Freiheit. «Ich sag es immer wieder», lächelt sie. «Es ist der einzige Ort, an dem es keine Vorschriften gibt. Die einzigen Dinge, die es zu beachten gibt, sind die Grösse, die Beleuchtung und die Belüftung. Für mich sind sie daher Orte des Experimentierens.» So entdecken wir Toiletten, die von Jacques Tatis Film Playtime inspiriert sind, ein kühler, glatter Bereich, auf beiden Seiten mit Spiegeln versehen, mit weissen, hellen Waschblöcken, ohne Wasserhähne oder Gebrauchsanweisung. Es liegt an dem Benutzer, den Bereich zu entdecken, seine Hände zu bewegen, um Infrarotstrahlen zu aktivieren, und als Akteur die Toiletten zu erkunden. Andernorts spielt die Designerin mit Spiegeln, welche die Bilder verzerren und zu Reflexionsspielen über sich selbst einladen.

Macro in Rom
Macro, Museum für zeitgenössische Kunst in Rom: Odile Decq inszeniert das Museum als Weg, der fliessend von öffentlich zu privat verläuft. Foto: Studio Odile Decq


In einer Zeit, in der die Menschheit sich selbst in Frage stellt und um ihren Fortbestand fürchtet, gibt sich Odile Decq gelassen und optimistisch. Sie teilt ihre Erfahrungen unermüdlich und hat eine Schule geschaffen, die ihr ähnelt, über Grenzen hinweggeht, keine Grenzen kennt: «Ich habe die Schule in Lyon gegründet und dann nach Paris verlegt. Die Diplome werden in Frankreich nicht anerkannt, während dies in Grossbritannien kein Problem ist – und das in Zeiten des Brexits. Aber das Wesentliche liegt woanders. Meine Schüler sind 2001 geboren und nicht aus dem 20. Jahrhundert. Aber sie sind diejenigen, die das 21. Jahrhundert erfinden werden.»

Odile Decqs Arbeit ist auch von Begegnungen und Freundschaften geprägt. Aus einer plötzlichen Begeisterung heraus hat sie ein Taschenmesser kreiert. Aus Leidenschaft entwarf sie ein Segelboot, vom Deck bis zu den Luken, mit einem modularen Unterdeck. Mit Neugierde und Respekt gab sie sogar einem Künstler freie Hand, um eines ihrer Gebäude zu bekleiden, dessen Architektur er für zu arrogant hielt.

Wurst der Zukunft
Der Drang nach Austausch war auch beim «Architektur After Work» fühlbar. Tatsächlich hat der andere Redner des Abends, Alexis Georgacopoulos, Direktor der bekannten Hochschule für Kunst und Design Ecal, mit der Forschung seiner Schüler die Neugierde der Anwesenden geweckt. Die Arbeit einer seiner Schülerinnen an der «Wurst der Zukunft» weckte grosse Begeisterung. Ja, die Wurst ist ein Designobjekt, sie ist eines der ersten Lebensmittel, die vom Menschen hergestellt wurde. Die visuelle und ästhetische Behandlung der Wurst wirft Fragen auf nach dem Objekt selbst und der Ernährung im Allgemeinen. Es ist auf jeden Fall ein Weg, die Debatte über Kreativität anzuregen und darüber, wie man die Welt neu erfinden kann.


Architektur After Work: Premiere in der Westschweiz

Das Konzept ist einfach und effektiv. Die Ausloberin des Architektur After Work ist die Schweizer Baudokumentation. Der Architektur After Work bringt Architekten und Bauprodukthersteller für einen Abend zusammen und regt zum Austausch mit Fachleuten aus der Baubranche an. Das Konzept ist in Zürich und Basel sehr erfolgreich. Auch in Lausanne waren die rund hundert Teilnehmer von der Qualität der Veranstaltung begeistert.

Die Gastgeber und -sponsoren dieses Abends, ohne welche die Vorträge von Odile Decq und Alexis Georgacopoulos nicht möglich gewesen wäre, sind folgende:

Aereco SADormakaba SAForbo-Giubiasco SAHörmann AGKrüger & Co AGSarna Granol SASika SA


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