Neubau am Schiffbauplatz

Neubau am Schiffbauplatz

Sibylle Hahner | 6. Juli 2018 | Szene

Seit letztem Herbst sorgt das Büro- und Geschäftshaus von Baukontor Architekten am Schiffbauplatz in Zürich stadträumlich für eine überraschende Selbstverständlichkeit. Das Gebäude hat sich in die industriell geprägte Gebäudestruktur elegant eingepasst und besetzt die Unruhe an der Hardbrücke mit einem wohltuenden Ruhepol.

Lombardische Eleganz: Ausgehend von der Farbskala der benachbarten Schiffbauhalle suchte Baukontor nach farblichen Entsprechungen. (Bilder: Seraina Wirz)

Lombardische Eleganz: Ausgehend von der Farbskala der benachbarten Schiffbauhalle suchte Baukontor nach farblichen Entsprechungen. (Bilder: Seraina Wirz)

Ausgehend von der städtebaulichen Situation einer hochliegenden Verkehrsachse, einem vorgegebenen Veloweg durchs Gebäude, dem benachbartem Theaterbetrieb im Schiffbau, einem historischen Hochkamin und einer schützenswerten, prächtigen Platane galt es, ein Büro- und Geschäftshaus passgenau zu entwerfen. Der Schiffbauplatz, der bis dahin mit der Probebühne des Opernhauses verstellt war, sollte erstmals einem städtischen Platz gerecht werden. Die Immobiliengesellschaft Allreal West AG vergab dafür einen Studienauftrag an einige renommierte Büros. Baukontor Architekten, die sehr differenziert und zurückhaltend agierten, konnten den kleinen Wettbewerb für sich entscheiden. Der federführende Vittorio Magnago Lampugnani, emeritierter Professor für Geschichte des Städtebaus an der ETH, und Jens Bohm, Architekt und Mitgründer des Büros, sind bereits geschätzte Partner bei der Entwicklung von Bauprojekten der Allreal-Gruppe.

Die schlüsselförmige Grundfigur, die von zwei Lichthöfen perforiert wird, ist das Ergebnis einer intensiven Studie an Ortsbezügen und Machbarkeiten. Dies offenbart der Feinschliff der Grundrisse für das öffentliche Erdgeschoss, den vier Büroetagen mit abschliessendem, zurückgesetzten Dachgeschoss und einer sechsgeschossigen Stirnseite zur Hardbrücke. Die vertikale Fassadenstruktur mit Pfeilern aus dem lombardischen Naturstein «Ceppo di Gré» und der sekundären Struktur aus fein geschliffenem «Belgischen Blaustein» unterstreichen den mondänen Charakter des Gebäudes.

Blick in den lichtdurchfluteten Innenhof, verkleidet mit dem lombardischen Naturstein «Ceppo di Gré» und der sekundären Gitterstruktur aus fein geschliffenem «Belgischen Blaustein».(Bilder: Seraina Wirz)

Die grosszügigen und flexiblen Büroeinheiten in den vier Obergeschossen richten sich am Grundraster von 5,2 Metern aus. Dem sogenannten «Chicago Window» sind die wiederkehrenden, grossformatigen Fensterflächen verpflichtet. Diese sind vornehm mit schmalen, seitlichen Öffnungsflügeln in eloxiertem Aluminium goldfarben gerahmt. Über den aussenliegenden Sonnenschutz in Form von vertikalen, bürotypischen Storen kann der Lichteinfall gefiltert werden. Die Fassade zum Platz reagiert auf die Präsenz der alten Schiffbauhalle, welche die Architekten Ortner & Ortner seitlich mit einem Hofgebäude für den Theaterbetrieb erweiterten. Durch den Rücksprung der Fassade an der Südwestseite entsteht ein kleiner Vorplatz, der künftig als ruhiger Pausenbereich mit dem Bonus eines schattenspendenden Hains genutzt werden kann. Das Schmuckstück des Schiffbauplatzes, eine ehrwürdige Platane, steht frei auf dem Platz. Hinter ihr öffnet die grosszügige Eingangshalle mit den seitlichen Lichthöfen die Erdgeschosszone des Büro- und Geschäftshauses auch zur rückwärtigen Giessereistrasse. Achtung Veloweg!

Dort dominiert die lange Fassade das historische Relikt eines Hochkamins, um ihm mehr Raum zu geben, springt die Fassade dort etwas zurück. Die kurze Stirnseite zur befahrenen Hardstrasse und Brückenseite ist indessen scharfkantig abgeschnitten. Ausgehend von der Farbskala der benachbarten Schiffbauhalle aus gelblich, ockerfarbenem Backstein suchte Baukontor nach farblichen Entsprechungen. Für die Fassadenverkleidung wurde der gutmütige, charaktervolle «Ceppo di Gré» eingesetzt, ein vielseitges, nach den 1960er Jahren leider etwas in Vergessenheit geratenes, lombardisches Sedimentgestein.

   
  • Hauptfassade des Büro- und Geschäftshaus mit Freiraumgestaltung von «vetschpartner Landschaftsarchitekten». Rostige Schiffspoller und neue Baumpflanzungen auf dem Schiffbauplatz neben der ehrwürdigen Platane links. (Bilder: Seraina Wirz)

    Hauptfassade des Büro- und Geschäftshaus mit Freiraumgestaltung von «vetschpartner Landschaftsarchitekten». Rostige Schiffspoller und neue Baumpflanzungen auf dem Schiffbauplatz neben der ehrwürdigen Platane links. (Bilder: Seraina Wirz)
  • Blick aus dem grossformatigen «Chicago Window» einer Büroeinheit auf den Schiffbauplatz. Auf der linken Seite die befahrene Hardbrücke mit Treppenaufgang, im Hintergrund zeichnet sich der Primetower ab. (Bilder: Seraina Wirz)

    Blick aus dem grossformatigen «Chicago Window» einer Büroeinheit auf den Schiffbauplatz. Auf der linken Seite die befahrene Hardbrücke mit Treppenaufgang, im Hintergrund zeichnet sich der Primetower ab. (Bilder: Seraina Wirz)
  • Eingangsbereich und Treppenhaus mit seitlichen Wandverkleidungen aus Kastanienfurnier, Stufen und Bodenbelag aus dem blauschwarzem «Nuvolato di Gré». (Bilder: Seraina Wirz)

    Eingangsbereich und Treppenhaus mit seitlichen Wandverkleidungen aus Kastanienfurnier, Stufen und Bodenbelag aus dem blauschwarzem «Nuvolato di Gré». (Bilder: Seraina Wirz)
  • Grundriss Erdgeschoss (Pläne: Baukontor Architekten)

    Grundriss Erdgeschoss (Pläne: Baukontor Architekten)
  • Grundriss 2. Obergeschoss (Pläne: Baukontor Architekten)

    Grundriss 2. Obergeschoss  (Pläne: Baukontor Architekten)
  • Situationsplan (Pläne: Baukontor Architekten)

    Situationsplan (Pläne: Baukontor Architekten)
Seine beigegraue Farbigkeit mit den grossen Einschlüssen ist zusammen mit dem feingeschliffenen «Belgischen Blaustein» wirkungsvoll kombiniert. Die grosszügige Eingangshalle mit dem zentralen Treppenhaus zieht den Blick unweigerlich in die Höhe. Auf Stufen und Bodenbelag aus dem blauschwarzem «Nuvolato di Gré» sowie den seitlichen Wandverkleidungen aus gelblichem Kastanienfurnier schimmert noch mehr Leidenschaft für das Opulente durch. Die flexiblen Büroeinheiten mit Panoramafenstern an der Fassadenseite bzw. mit Blick in die lichtdurchfluteten Innenhöfe sind äusserst luxuriös, entsprechend gross war die Nachfrage bei interessierten Mietern. Angekommen auf der Dachterrasse mit Cafeteria zeichnet sich mit erhebenden Ausblicken nach allen Seiten die industrielle Vorgeschichte von Zürich West ab. Die Schiffbauhalle als zweiter Standort des Schauspielhauses Zürich erwies sich als grosses Glück, über manch andere Höhenentwicklung im Hintergrund liesse sich jedoch streiten.

Standort: Schiffbaustrasse 2, 8005 Zürich
Bauherrschaft: Allreal West AG, Zürich
Architektur: Baukontor Architekten
Gesamtkosten: 60 Mio. CHF
Geschossfläche: 19 000 m2
Realisierung: 2014-2017

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