Liebeslauben

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Robert Mehl | 5. April 2018 | Szene

In Schrems in Niederösterreich wurde die seit 2014 bestehende Baumhaus-Lodge um zwei Klippenhäuser erweitert. Wie die bereits vorhandenen drei Apartmenthäuschen bestehen auch die Klippenhäuser aus Holzkonstruktionen mit einer Fassadenverkleidung aus Metall.

«Unsere Zielgruppe sind Paare, die sich eine schöne Zeit machen wollen», erläutert Franz Steiner sein Hotelkonzept. Der Inhaber ergänzt, dass etwa 80 Prozent seiner Gäste eine Barzahlung vorziehen. Erwähnenswert findet er auch, dass alle Gäste Interviewanfragen ablehnten, als der Fernsehsender ORF einen Beitrag zu diesem im Sommer durchweg ausgebuchten Hotel produzieren wollte.


Interieur des östlichen Klippenhauses mit grossformatigen Fenstern. (Bild: Robert Mehl)

Inspiration und Installation
Inspiriert von einem neuseeländischen Baumhaushotel, in dem er 2008 weilte, erwarb Steiner 2011 von der Gemeinde Schrems einen ehemaligen Granitsteinbruch 130 Kilometer vor Wien. Mit einer Tourismusberaterin führte der studierte Betriebswirt eine Zielgruppenplanung durch. «Am Anfang wollte ich es jedem recht machen – aber genau das war der Fehler!», umschreibt er die Quintessenz. Übrig blieb ein «Recreation-Ambiente» im Grünen für Paare im gehobenen Preissegment. «Natürlich ist es reizvoll, eine Unterkunft weit ab in der Natur zu schaffen», erklärt Naturfreund Steiner, «aber dann wird eine zielgruppengerechte, technische Gebäudeausstattung schwierig: Strom, fliessendes Wasser, Kanalisation. Dazu gelten Baumhäuser als Bebauung. Um sie in einem Wald zu errichten, ist eine Sondergenehmigung erforderlich. Hier in Schrems war es eine touristische Umnutzung eines einstigen Gewerbebetriebes.»


Klippenhaus-Vorentwurf: Die Ausführung der beiden realisierten Kleinarchitekturen weicht leicht vom Entwurf ab. (Plan: Andreas Wenning)

Auf Stelzen errichtet
Strenggenommen sind die Schremser Kleinarchitekturen nicht Baum-, sondern Stelzenhäuser. Entworfen wurden diese allerdings von einem weltweit operierenden Baumhausspezialisten, dem Bremer Architekten Andreas Wenning. 2014 errichtete er hier die ersten drei «Hochbauten». Zwei davon sind einander ähnliche Quader, die zum einen auf einem vorgefundenen Kranfundament und zum anderen auf einer Böschungsmauer ruhen. Ein 16 Meter hohes Turmhaus, bestehend aus einer holzbeplankten Stahlkonstruktion, überragt diese beiden. Es bietet auf zwei Wohnebenen Raum für vier Gäste.

Ursprünglich hatte der Eigentümer sechs weitere Lauben sowie zwei Gemeinschaftshäuser geplant. Doch die Gäste überzeugten ihn, darauf zu verzichten. Mehr Lauben würden die gewünschte Diskretion stören. (Bild: Robert Mehl)

Ursprünglich hatte der Eigentümer sechs weitere Lauben sowie zwei Gemeinschaftshäuser geplant. Doch die Gäste überzeugten ihn, darauf zu verzichten. Mehr Lauben würden die gewünschte Diskretion stören. (Bild: Robert Mehl)

Im vergangenen Jahr wurde das Ensemble um zwei sogenannte Klippenhäuser erweitert, die felsengleich jäh über die alte, etwa 15 Meter tiefe Steinbruchkante ragen. In der Sohle des Steinbruchs hat sich über die Jahre ein natürlicher See gebildet. Wie auch die anderen Häuser bestehen die Klippenhäuser aus einer in Brettsperrholz ausgeführten Rahmenkonstruktion, die innenseitig mit massiven, 10 Zentimeter dicken Fichtenholztafeln belegt ist. Hierauf liegt eine 10 Zentimeter starke Holzfaserdämmung. Vor diese sind Aussenhautpaneele in Aluminiumverbundbauweise montiert. Während das Fugenbild – eine formale Reminiszenz an das vertikale Haubild des Steinbruchs – von dem Bauherrn vorgegeben wurde, erfolgte die Anordnung der nur in einer Richtung maschinell gebürsteten Metallflächen verschnittminimiert. Durch die willkürliche Tafelmontage in Längs- und Querrichtung entsteht eine auffällige, wohltuend unterschiedliche Lichtreflexion.


Westansicht des älteren Baumhausensembles: Im Vordergrund das Haus auf der Mauer, rechts das Haus auf dem Kranfundament, im Hintergrund das 16 Meter hohe Turmhaus. (Bild: Robert Mehl)

Schlafen im Schlaraffenland
Während die älteren Bauten mit ihren Stoffvorhängen einen leicht alternativen Charme verströmen, bedienen die beiden Neubauten eher das Luxussegment. Neben den grösseren Räumen gibt es vor den Panoramafenstern elegante Sitzecken und im hinteren Teil kleine Küchenzeilen mit Spüle. In allen Einheiten befinden sich Kaffeevollautomaten. Das Ein- und Auschecken geschieht mittels Schlüsseltresoren, deren aktuelle Zahlenkombination dem Gast per SMS kurz vorher mitgeteilt wird. Die Bewohner finden einen gut gefüllten Kühlschrank zur freien Verfügung vor, der neben Getränken auch die Zutaten eines gehobenen Frühstücks in sich birgt. Morgens gegen halb sechs fährt schliesslich ein Bote vor, der in einem Stoffsäckchen frisches Backwerk diskret aussen an die Tür hängt.

Schlafbereich mit Oberlicht. (Bild: Robert Mehl)

Capri lässt grüssen
Bei den beiden Klippenhäusern drängt sich dem architektonisch interessierten Besucher eine ikonografische Nähe zu der 1942 vollendeten Villa Malaparte auf Capri auf, einem Klassiker der Moderne. Auch dieser Bau steht dramatisch auf einer Klippe und diente seinem Erbauer als privates Refugium. Neben der spektakulären Lage sind den Bauten aber vor allem die grossen Fensterflächen gemein, deren Fassungen den imposanten Ausblick wie Landschaftsgemälde rahmen.


Die Innenräume der Villa Malaparte werden von Fenstern mit extra breiten Holzrahmen belichtet. Sie lassen den überwältigenden Ausblick wie Landschaftsgemälde erscheinen. (Bild: Robert Mehl)

Die Villa Malaparte steht auf dem Punta Masulla einem Kap an der Südostküste von Capri. Sie wurde 1938 bis 1942 von dem italienischen Schriftsteller Curzio Malaparte errichtet. (Bild: Robert Mehl)


Standort: Herrenteichweg, A-3943 Schrems
Architektur: Andreas Wenning, Baumraum, Bremen
Realisierung: 2014, 2017

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