Kreisförmiges Hostel Wadi mitten im belgischen Wald

Kreisförmiges Hostel Wadi mitten im belgischen Wald

Michael Koller | 26. April 2018 | Szene

Kreist man im Vogelflug über das rund 300 Hektar grosse, ehemalige britische Militärterrain «De Hoge Rielen» bei Kasterlee im Osten von Antwerpen, lässt sich das kreisrunde Hostel Wadi mit seinem Gründach zwischen den Baumkronen kaum ausmachen.

Schlafen im Wald: Die rundumverglaste Innenfassade öffnet das Gebäude zur Kreismitte, wohingegen die dunkle Lärchenholzfassade das Hostel nach aussen hin abschirmt. (Bilder: Frederik Buyckx)

Schlafen im Wald: Die rundumverglaste Innenfassade öffnet das Gebäude zur Kreismitte, wohingegen die dunkle Lärchenholzfassade das Hostel nach aussen hin abschirmt. (Bilder: Frederik Buyckx)

Die Geburt eines Landschafts- und Architekturprojekts
2002 wurde das Mailänder Architektur- und Städtebaubüro «Studio Bernardo Secchi & Paola Viganò» von Bob Van Reeth, dem Architekten der flämischen Landesregierung (Vlaamse Bouwmeester), zum Entwurf eines Masterplans für das öffentliche Bildungs- und Freizeitgebiet «De Hoge Rielen» eingeladen.
Der Wettbewerb, den das Büro für sich entscheiden konnte, diente der Entwicklung einer globalen Vision für das Gebiet, das grösstenteils von Wald bedeckt ist und das sowohl auf lokaler, als auch territorialer Eben eine grosse Bedeutung besitzt. Das militärische Übungsgebiet wurde 1974 von der flämischen Regierung gekauft und zu einem Erholungs- und Bildungszentrum umgewandelt, in dem in erster Linie Kinder und Jugendliche auf spielerische Weise soziale Fähigkeiten erlernen und die Natur erforschen können.
Grundriss Erdgeschoss (Pläne: Studio Bernardo Secchi und Paola Viganò)

Der von Bernardo Secchi und Paola Viganò präsentierte Entwurf sah die Entwicklung einer Anzahl öffentlich zugänglicher und gemeinschaftlich nutzbarer Bauwerke entlang der Hauptzufahrtsstrassen, dem sogenannten «Contact Strip» vor. Die Molenstraat und die Hoge-Rielen-Strasse bilden das Rückgrat des Masterplans, von dem aus eine Vielzahl von Fusswegen und Zufahrtsstrassen die rund 60 ehemaligen Militärbaracken, die über das gesamte Areal verstreut sind, netzartig miteinander verbinden und erschliessen. Für Paola Viganò war es entscheidend, durch gezielte und punktuelle architektonische und landschaftsgestalterische Eingriffe eine starke, kohärente Verbindung zwischen den drei Grundelementen des Ortes zu schaffen: der vorhandenen Naturlandschaft, der Nutzung der ehemaligen militärischen Einrichtungen und der Schaffung einer Bildungsstätte, an dem Seminare aller Art abgehalten und organisiert werden konnten.
Im Zuge der Erforschung dieses ehemaligen militärischen Übungsgebiets stellten die Architekten fest, dass sie es bei dieser scheinbaren Naturlandschaft mit einer strategisch angelegten und gemäss den militärischen Anforderungen modellierten Kunstlandschaft zu tun hatten. Nicht nur Strassen, Böschungen, Dämme, Brachflächen oder Waldlichtungen und Bodensenken waren genau geplant, sondern auch der gesamte Baumbestand des Waldes war künstlich angelegt. Die in der Region nicht heimischen, hohen Kiefern schufen einen Wald, in dem das Sonnenlicht bis zum Boden durchdringt.

   
  • Die drei Durchgänge sind als überdachte Plätze ausgestaltet und machen das Bauwerk einerseits durchlässig, andererseits verbinden sie es mit seiner Umgebung. (Bilder: Frederik Buyckx)

    Die drei Durchgänge sind als überdachte Plätze ausgestaltet und machen das Bauwerk einerseits durchlässig, andererseits verbinden sie es mit seiner Umgebung.  (Bilder: Frederik Buyckx)
  • Die rundumverglaste Innenfassade öffnet das Gebäude zur Kreismitte, wohingegen die dunkle Lärchenholzfassade das Hostel nach aussen hin abschirmt. (Bilder: Frederik Buyckx)

    Die rundumverglaste Innenfassade öffnet das Gebäude zur Kreismitte, wohingegen die dunkle Lärchenholzfassade das Hostel nach aussen hin abschirmt.  (Bilder: Frederik Buyckx)
  • Das Wort «Wadi» verweist auf ein zentral gelegenes Regenwassersammelbecken. Die meist mit Gras oder Ried bewachsenen Senken besitzen meist eine wasserdurchlässige Erdschicht, in der das Regenwasser gut in den Boden sickern kann. (Bilder: Frederik Buyckx)

    Das Wort «Wadi» verweist  auf ein zentral gelegenes Regenwassersammelbecken. Die meist mit Gras oder Ried bewachsenen Senken besitzen meist eine wasserdurchlässige Erdschicht, in der das Regenwasser gut in den Boden sickern kann. (Bilder: Frederik Buyckx)
  • Das Dach wird zur Gartenseite hin entwässert. Die Architekten vergleichen das Prinzip gerne mit einem impluvium, dem Wasserbecken im Atrium römischer Häuser, in dem das Regenwasser aufgefangen wurde. (Bilder: Frederik Buyckx)

    Das Dach wird zur Gartenseite hin entwässert. Die Architekten vergleichen das Prinzip gerne mit  einem impluvium, dem Wasserbecken im Atrium römischer Häuser, in  dem das Regenwasser aufgefangen wurde.  (Bilder: Frederik Buyckx)
Durch die hohen Stämme und das Fehlen von Ästen und Blättern im Bodenbereich erhielt der Wald eine Durchlässigkeit und Transparenz, die den Charakter des Ortes kennzeichnen und ihn für die Planer einzigartig machen.

Ein ungewöhnlicher Entwurf
Der Grossteil der ursprünglichen Militärbaracken wurde schon vor der Intervention von «Studio Bernardo Secchi & Paola Viganò» zu Gemeinschaftsherbergen umgebaut und ähnelt den für Belgien typischen «Fermettes», also bauernhofartigen Wohngebäuden. Das Hostel Wadi, das in unmittelbarer Nähe zur nördlichen Zufahrtsstrasse liegt, ist als eine Ergänzung hierzu gedacht. Der Grundriss und die Organisation der Schlafräume ist so entworfen, dass darin sowohl Schul- und Jugendgruppen, Studenten, soziale und kulturelle Vereinigungen, Familien und Fahrradtouristen als auch individuelle Besucher Unterkunft finden. Der Versuch, die bestehende Natur mit der militärischen Nutzung der Vergangenheit und den gemeinschaftlichen Anliegen der Nutzer in Verbindung zu bringen, drückt sich in vielerlei Hinsicht auch in der Architektur und der Materialverwendung beim Hostel Waldi aus.
Die kreisrunde Form entstand in einem sehr frühen Entwurfsstadium, als das Gebäude noch um den nahegelegenen Weiher hätte errichtet werden sollen. Um die dort im Entstehen beginnende Fauna und Flora zu schützen, entschied man sich, das Gebäude zu verlegen. Die Form und die Materialverwendung blieben. Anstatt eines Wasserbassins umschliesst das Gebäude heute einen kleinen Kiefernwald, ein Relikt des ursprünglich künstlich gepflanzten und sukzessive überwachsenen Baumbestands.

Schnitt und Ansicht Süd (Pläne: Studio Bernardo Secchi und Paola Viganò)

Die Architekten sehen ihr Gebäude gleichermassen als Filter und schützenden Ring, der den wild wachsenden Garten mit den hohen Kiefernbäumen in seiner Mitte gegen die immer stärker überhandnehmende, lokale Vegetation an der Aussenseite der Anlage abschirmt. Diese Entwurfsidee drückt sich auch in der Materialverwendung aus: nach Aussen wirkt das Bauwerk durch die dicke und mit europäischem Lärchenholz verkleidete dunkle Fassade kompakt und geschlossen, trotz der grosszügigen Fensteröffnungen der Schlafräume. Im Gegenzug dazu zieht die rundumverglaste Innenfassade den Blick der Besucher geradezu in den Garten, der als gemeinschaftlich nutzbarer, aber nicht bebauter Aussenraum fungiert.
Die Glasfassaden und die hohen, im Bodenbereich ast- und blattlosen Kiefern erlauben ausserdem Blickbeziehungen zwischen den Gästen in den unterschiedlichen Gebäudeteilen. Die drei Durchgänge – überdachte Plätze – machen das Bauwerk wiederum durchlässig und verbinden es mit seiner Umgebung.
Detailschnitt (Pläne: Studio Bernardo Secchi und Paola Viganò)

Paola Viganò sieht das Hostel Wadi und die gesamte Anlage als ideologisches Projekt, bei dem es darum geht, das Individuum mit der Gemeinschaft zu verbinden, die Natur mit dem Gebautem und die Geschichte mit der Gegenwart. Die räumliche Organisation und Vielfältigkeit der Gesamtanlage und all ihrer Einzelelemente erlaubt es, den Erwartungen der Betreiber und den Verhaltensweisen der unterschiedlichen Nutzer gerecht zu werden.

Eine ökologische Architekturlandschaft
Für Paola Viganò ist entscheidend, dass der Architekt und Landschaftsplaner im Entwurf und der Ausarbeitung eines Projekts sowohl im grossen Kontext, also in seiner Implementierung am Ort, als auch im Kleinen, also in der Ausarbeitung der architektonischen und konstruktiven Details, eine grosse Präzision und Genauigkeit an den Tag legt. Ein einprägendes Bauwerk entsteht ihrer Meinung nach durch die Schaffung eines gut definierten und kalkulierten Projekts, das im Besucher ein klares und prägnantes visuelles Bild erzeugt, das auch das hinter der Entwurfsidee liegende Wissen über den Ort zum Ausdruck bringt.
Die Idee, an diesem Ort ein ökologisches und nachhaltiges Bauwerk in Holzbauweise zu bauen, lag für Paola Viganò auf der Hand. Aufgrund des Kostendrucks, der zur Verfügung stehenden Baumethoden und der Ansprüche der Auftraggeber entschied man sich schliesslich für eine klassische Holzständerbauweise auf einer leicht vom Waldboden abgehobenen Betonplatte. Das Bauwerk besteht aus identisch aufgebauten, aneinandergereihten Zellen, wodurch sich zwischen den Schlafräumen isolierte Doppelwände ergaben.
Um trotz der grossen, runden Gebäudeform den hohen Ansprüchen der Energieeffizienz und Nachhaltigkeit gerecht zu werden, wurden verschiedene Massnahmen ergriffen: Neben den gut isolierten Schlafräumen spielt der innenliegende, verglaste Gang – er wird von den Architekten auch als Wintergarten bezeichnet – zur passiven Wärmegewinnung durch die Sonneneinstrahlung während der Übergangszeiten eine wichtige Rolle. Die Dachüberstände beschatten die Glasscheiben gegenüber der hochstehenden Sommersonne und verhindern zusammen mit Bäumen eine Überhitzung des Gangs. Der Einfall der Wintersonne im Gangbereich wird dadurch allerdings nicht behindert. Die Masse des polierten und harzbeschichteten Holzbetonbodens dient im Winter als Wärmespeicher und kühlt das Bauwerk im Sommer. Das zehn Zentimeter dicke Gründach dämmt das Gebäude im Winter ebenfalls, während es im Sommer das Gebäudeinnere kühl hält. Die Architekten betonen, dass sie durch den Entwurf der Herberge die Geschichte des Ortes, die lokale Natur und das Funktionieren der gemeinschaftlichen Kultureinrichtungen in Belgien zu verstehen gelernt haben, und dass sie durch ihre architektonische und landschaftliche Intervention versuchen, diese Situation den Besuchern begreiflich zu machen.

Standort: Molenstraat, 2460 Kasterlee, Belgien
Bauherrschaft: Flemish Government, AFM
Architektur: Studio Bernardo Secchi & Paola Viganò, Milano
Realisierung: 2014

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