Junge Generalisten

Junge Generalisten

Bettina Krause | 13. November 2017 | Szene

Sie teilen ihre Passion für Architektur und arbeiten beide in Forschung und Lehre an der ZHAW in Winterthur: Patric Furrer und Andreas Jud haben als junges Schweizer Architekturbüro einen vielversprechenden Start absolviert. Im Interview sprechen sie über Herausforderungen und die Orientierungslosigkeit junger Architekten.

Patric Furrer und Andreas Jud

Patric Furrer und Andreas Jud

Sie sind als junge Architekten sehr gefragt – wie erklären Sie sich Ihren Erfolg?
Wir würden nicht von Erfolg sprechen. Auf persönlicher Ebene erkennen wir aber einen grossen Reichtum durch die Auseinandersetzung mit Architektur – das ist auch das, was uns längerfristig interessiert: Lebenserfahrung durch die Architektur zu machen.

Liegt dem eine Arbeitsphilosophie zugrunde?
Wir hegen einen generalistischen Anspruch an unsere Arbeit. Obwohl dieser durch die zunehmende regulatorische Dichte und Komplexität immer mehr in Frage gestellt wird. Entwerfen ist für uns etwas Intimes, sehr Persönliches. Die Erfahrungen, die wir der Architektur verdanken, schärfen unseren Blick auf die Welt. Demzufolge beinhaltet die Architektur für uns nicht nur die Produktion von Lebensraum. Starke Entwurfskonzepte werden für uns zu einer Überlebensstrategie in einer Welt voller oberflächlicher Verlockungen.

Was fasziniert Sie an Architektur?
Die Schaffung von Lebensraum – das primäre Ziel von Architektur – impliziert eine gewisse Komplexität. Architektur wird von der kulturellen Logik ihrer Zeit durchdrungen. Als Medium macht sie diese Durchdringung für die Gesellschaft sinnlich erfahrbar. In einer Zeit, die von Rationalität, Ökonomie und Sicherheit geprägt ist, fasziniert uns das Irrationale am Prozess, das Mystische, das zum Schluss doch immer konkret wird, wenn es zur Realisierung kommt.

Beim Projekt «Mühle Freudenau» in Wil hat Sie der «spannungsvolle Unort» gereizt, warum?
Der «Genius Loci» wird dort durch die in den verschiedenen Höhenebenen einwirkenden, heterogenen Einflüsse bestimmt. Auf der Ebene des Mühleweihers herrscht eine idyllische Atmosphäre. Auf dem höher gelegenen Viadukt der Kantonstrasse hingegen starkes Verkehrsaufkommen. Darüber ist die atemberaubende Aussicht in die Ostschweizer Kulturlandschaft frei. Diese verschiedenen Einflüsse haben wir versucht, mit der Gebäudevolumetrie zu paraphrasieren.

Die ehemalige Mühle Freudenau in Wil © Benedikt Redmann

Wie sieht das konkret aus?
Die Schuppung der Titanzinkblech-Fassade erinnert an ein Gürteltier, das sich vor den starken Umwelteinflüssen am Ort schützt. Gleichzeitig ist sie eine Referenz zu den umliegenden Gebäuden und fügt sich so angemessen in die Umgebung ein.

Für den Bau der Sozialräume einer Werkhalle verwendeten Sie überwiegend Stahl. Warum plädieren Sie für einen vermehrten Einsatz des Materials?
Wir sind der Meinung, dass sich eine gute Baukultur auch durch eine Pluralität von Konstruktionsweisen auszeichnet. Als Architekten müssen wir uns dafür engagieren, dass ein breites Spektrum an Bauweisen erhalten bleibt. Es kann nicht sein, dass verschiedene Lobbys mit wirtschaftlichen Interessen zum Richter darüber werden, mit was gebaut werden darf und mit was nicht.

Für die Sozialräume einer Werkhalle verwendeten Furrer Jud überwiegende Stahl. In hybrider Anwendung mit Holz sehen Furrer Jud grosses Potenzial, die Vorteile des Materials auszuschöpfen. © Benedikt Redmann

Was zeichnet für Sie die junge Schweizer Architektur aus?
Im Gegensatz zu den 1990er Jahren, wo im Bauwesen eine Rezession vorherrschte, ist die heutige Zeit für jüngere Büros vordergründig privilegiert. Kaum aus dem Studium, baut eine Grosszahl junger Büros mehr als die vorhergehende Generation zu Lebzeiten je gebaut hat. Gleichzeitig wird Bauen durch die steigenden Komfortansprüche und die daraus resultierende Zunahme an regulatorischer Dichte immer komplexer.

Sie finden das problematisch?
Die Disziplin droht dadurch vom generalistischen Anspruch weiter abzurücken. Diese Bedingungen können für junge Architekten schnell in einer Überforderung münden, die sich in einer Art Orientierungslosigkeit in Architektur ausdrückt. Eine der grössten Herausforderungen in dieser heterogenen, schnelllebigen und pluralistischen Zeit sehen wir deshalb darin, sich nicht in den Zustand der Überforderung zu begeben. Sondern selbstdiszipliniert, bedacht und kontinuierlich unsere Themen weiterzuentwickeln.

Gibt es ein verbindendes Element junger Schweizer Architektur?
Natürlich spielt das Fundament, die Ausbildung, eine zentrale Rolle, denn sie sensibilisiert Studierende für baukulturelle, relevante Themen. Daneben erkennen wir kein verbindendes Element, ausser einer weit verbreiteten Orientierungslosigkeit!

Sie lehren selbst an der ZHAW, welchen Einfluss hat Ihre Lehrtätigkeit auf Ihre Entwürfe?
Die Arbeit eröffnet uns Denkräume, die oft substanziellere Auseinandersetzungen mit Architektur ermöglicht. Gerade in einer Zeit der hochkonjunkturellen Bauproduktion erkennen wir eine Qualität darin, gängige Tendenzen zu hinterfragen – mal inne zu halten.

Welche Themen werden die Schweizer Architekten in den nächsten Jahren am meisten beschäftigen?
Natürlich spielen Schlagwörter wie Nachverdichtung, Mobilität und Nachhaltigkeit eine wichtige Rolle. Gleichzeitig bedarf es einer minutiösen Prüfung dieser Trendbegriffe. Vieles ist in vergleichbarer Form schon einmal aufgetreten. Die Arbeit an der Hochschule bietet uns den Raum, um diese Tendenzen auf anderer Flughöhe zu hinterfragen. In einer Hochkonjunktur der Bauproduktion beobachten auch wir, dass Architekten am vollen Tellerrand inhaltlich zu verhungern drohen. Das möchten wir natürlich verhindern.

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