Interview über Brandschutz

Interview über Brandschutz

Katharina Weber | 11. April 2019 | Fachwissen

Hanspeter Kolb unterrichtet Holzbau und Brandphysik an der Berner Fachhochschule

Hanspeter Kolb unterrichtet seit mehr als 20 Jahren Holzbau und Bauphysik an der Berner Fachhochschule in Biel. Seit 2005 ist er zuständig für die Aus- und Weiterbildung im Bereich Brandsicherheit. Heute ist er als Professor für Brandsicherheit auch zuständig für Forschung und Entwicklung auf diesem Gebiet. Seit 15 Jahren ist er Auditor und Prüfungsexperte beim VGQ, Schweizerischen Verband für geprüfte Qualitätshäuser.


«Das grösste Risiko ist der Mensch.»



Herr Kolb, Sie bieten an der Berner Fachhochschule Weiterbildungen zum Thema Brandschutz im Holzbau an...
Es gibt ein ganzes Paket von Aus- und Weiterbildungsmassnahmen in Form von Tageskursen, Workshops und Seminaren. Brandschutz ist bereits in der Ausbildung von Technikern und Bachelorstudierenden ein wesentliches Thema. Ein wichtiger Bestandteil sind die zwei Nachdiplomkurse Brandschutz (CAS). Einer richtet sich an Holzbauer, der andere an Architektinnen und Architekten. Dieser Kurs wird auch in Französisch angeboten.



Worauf müssen Architekten und Planer beim Brandschutz besonders achten? Wo liegen die grössten Risiken?
Im Vordergrund steht immer die Personensicherheit. Jedes Gebäude muss demzufolge über funktionierende Flucht- und Rettungswege verfügen. Ein gutes Brandschutzkonzept beginnt also immer mit dem Fluchtwegkonzept. Danach kommt die sogenannte Brandabschnittsbildung. Damit will man gewährleisten, dass sich ein Brand während einer bestimmten Zeit innerhalb eines Gebäudes nicht ausbreiten kann (z.B. von einer Wohnung zur anderen oder von Hotelzimmer zu Hotelzimmer). Funktionieren Flucht- und Rettungswege sowie die Brandabschnitte, kann ein Gebäude als ziemlich sicher eingestuft werden. Natürlich spielt auch die Materialwahl eine Rolle. So dürfen in Flucht- und Rettungswegen nur nichtbrennbare Baustoffe verwendet werden.

Das grösste Risiko ist jedoch der Mensch, welcher durch Fehlverhalten immer wieder für Brände sorgt. Danach kommen mangelhafte oder schlecht gewartete Installationen und Elektrogeräte. Diese Risiken können auch durch die sichersten Bauwerke nicht beseitigt werden.



Brandschutztüren im Innenbereich eines Gebäudes. Holzanwendungen sind 
mit entsprechendem Brandschutzkonzept auch in Korridoren möglich.
Brandschutztüren im Innenbereich eines Gebäudes. Holzanwendungen sind mit entsprechendem Brandschutzkonzept auch in Korridoren möglich.


Brandschutztür in einem Holzbau. Formschön und brandschutzbildend mit einem Feuerwiderstand EI30.
Brandschutztür in einem Holzbau. Formschön und brandschutzbildend mit einem Feuerwiderstand EI30.



Wie unterscheidet sich der Holzbau in Bezug auf den Brandschutz gegenüber anderen Bauweisen?
Unabhängig von der Bauweise gelten in der Schweiz die gleichen Brandschutzvorschriften. Nicht der Baustoff ist entscheidend, sondern die Konstruktion der verschiedenen Bauteile sowie deren Planung und Ausführung. Der Holzbau hat das bereits vor langer Zeit erkannt und viel in Forschung und Entwicklung investiert. Zudem wurde ein wegweisendes Qualitätssicherungssystem aufgebaut, welches alle Prozessschritte von der Entwicklung bis hin zur Übergabe eines Bauwerkes behandelt. Dieses System ist auf der Basis des Qualitätssicherungssystemes (QS) des Schweizerischen Verbandes für geprüfte Qualitätshäuser (VGQ) entwickelt worden.



Beispiele für VKF-anerkannte Abschottungssysteme
Beispiele für VKF-anerkannte Abschottungssysteme:
1. Mineralfaserschott, Plattenschott; 2. Schaumschott, Brandschutzschaum; 3. Brandschutzmanschette;
Quelle: Lignum Dokumentation Brandschutz "Haustechnik - Installationen und Abschottung". Lignum - Holzwirtschaft Schweiz. www.lignum.ch



Als Professor der Berner Fachhochschule in Biel und Prüfungsexperte des VGQ sind Sie Fachexperte in Sachen Brandschutz im Holzbau. Wie würden Sie ihre wichtigsten Erfahrungen und Meilensteine zusammenfassen?
Meilensteine: Die Grundlagen wurden wohl schon vor mehr als 20 Jahren gelegt. Damals erkannte die Holzbranche, dass die Diskriminierung des Baustoffs Holz in Bezug auf die Brandsicherheit nur durch gezielte Forschung, kontinuierliche Aus- und Weiterbildung sowie eine funktionierende Qualitätssicherung beseitigt werden kann. Das bereits oben erwähnte QS-System galt bis 2015 nur für den Holzbau. Da die Brandschutzbehörden damit sehr gute Erfahrungen machten, wurde dieser Stand der Technik im Holzbau bei der Vorschriften-Revision 2015 als VKF-Richtlinie «11-15- Qualitätssicherung im Brandschutz» umgesetzt. Diese Richtlinie gilt heute für die ganze Schweiz, für alle Bauwerke und unabhängig der Bauweise.

Gleichzeitig mit der Einführung dieses QS-System baute die Berner Fachschule zusammen mit der Lignum ein breites Aus- und Weiterbildungsangebot für die Holzbranche auf. Das Interesse an diesem Angebot ist bis heute ungebrochen.

Die QS-Kontrollen bei den VGQ geprüften Herstellern im Holzbau zeigen, dass das Thema sehr gewissenhaft bearbeitet wird. Sie entwickeln beispielsweise geeignete Brandschutz-Konzepte, und das QS verlangt, dass die geplanten Massnahmen auf Produktion und Baustelle umgesetzt werden.



Wie kann man bei den Brandschutzvorschriften am einfachsten auf dem aktuellen Stand bleiben?
Die Brandschutzvorschriften ändern sich ungefähr alle 10 Jahre. Durch das Weiterbildungsangebot der BFH ist gewährleistet, dass sich Personen aus der Holzbranche, und zunehmend auch Architektinnen, Fachplaner, Brandschutzexperten und Mitglieder von Behörden auf den neusten Stand bringen. Zudem überarbeitet die Lignum regelmässig die Dokumentation «Brandschutz im Holzbau», welche von der Vereinigung Kantonaler Feuerversicherungen (VKF) als «Stand der Technik» anerkannt ist. Somit stehen Planenden und Ausführenden immer aktuelle Planungsunterlagen zur Verfügung.



Zollfreilager Zürich
Zollfreilager Zürich. Fassadengestaltung in Holzbauweise. Hier wird eine Brandausweitung über mehrere Geschosse gekonnt minimiert.



Nach der Brandkatastrophe im Londoner Grenfell Tower wurden in England zahlreiche Brandschutztests durchgeführt. Knapp vierzig Gebäude beanstandeten die Prüfer. Wie schätzen Sie den Brandschutz beim Schweizer Gebäudepark ein?
Es ist grundsätzlich zu unterscheiden, ob es sich um alte Bauten handelt oder neue, die mit neueren Brandschutzvorschriften umgesetzt wurden. Es kann jedoch davon ausgegangen werden, dass Hochhäuser, welche in den letzten 20-30 Jahren in der Schweiz gebaut wurden, sicher sind. Katastrophen passieren jedoch selten aufgrund ungenügender Vorschriften. Grösstenteils ist der Mensch durch fahrlässiges Verhalten oder Unkenntnis der Verursacher. Das war im Katastrophenfall des Grenfell Tower nicht anders. So haben brennbare, eigentlich nicht zugelassene Fassadenmaterialien zu einer schnellen Brandausbreitung geführt. Es gab aber auch im Innern des Gebäudes diverse Mängel, so dass die Menschen das Gebäude nicht rechtzeitig verlassen konnten.

In der Schweiz sind bei Hochhäusern (Gebäudehöhe über 30 Meter) brennbare Materialien bei Aussenwänden und Fassaden nicht zugelassen. Zudem müssen Hochhäuser mit Sicherheitstreppenhäusern und speziellen Feuerwehraufzügen ausgerüstet werden. Das bereits erwähnte QS-System sorgt zudem für eine vorschriftengemässe Umsetzung der Brandschutzvorschriften – nicht nur während der Planung und Realisierung, sondern auch während der Bewirtschaftung bzw. Nutzung.

Hier ist noch zu erwähnen, dass gemäss Brandschutzvorschriften Eigentümer und Nutzerschaft von Gebäuden dafür verantwortlich sind, die Sicherheit von Bauten und Anlagen jederzeit zu gewährleisten.

VGQ – Schweizerischer Verband für geprüfte Qualitätshäuser

2502 Biel, www.vgq.ch, info@vgq.ch

Bauen mit VGQ-geprüften Unternehmen bieten den höchsten Qualitäts-Standard im Holzbau.

Der VGQ führt ein umfassendes Qualitätssicherungssystem für erstklassige Wertarbeit im Systemholzbau und fördert innovative ökologische Baustandards sowie die Verwendung erneuerbarer, natürlicher Baumaterialien.


Weiterbildungen Brandschutz BFH-AHB


CAS Brandschutz für Architektinnen und Architekten
Nächster Start mit freien Plätzen: Januar 2020

CAS Brandschutz im Holzbau
Nächster Start mit freien Plätzen: September 2020

Brandschutz Modulkurse
Diverse Tageskurse ab Mai bis Dezember 2019
ahb.bfh.ch/brandschutz

Information
hanspeter.kolb@bfh.ch

Info-Veranstaltungen
18.09.2019: Lignum, Zürich
16.11.2019: BFH-AHB, Biel


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