Interview mit Stefan Sagmeister: Was ist Schönheit?

Interview mit Stefan Sagmeister: Was ist Schönheit?

Katharina Wyss | 9. August 2019 | Szene

Das «Beauty Book» wurde anlässlich der Eröffnung der Ausstellung «Beauty» herausgegeben.
Das «Beauty Book» wurde anlässlich der Eröffnung der Ausstellung «Beauty» herausgegeben. ©Sagmeister & Walsh


Der Designer Stefan Sagmeister plädiert für die Rückkehr der Schönheit als Gestaltungsprinzip. Laut seinen Ausführungen auf dem 5. Immobilien-Summit der Flughafenregion Zürich gibt es überraschenderweise ein menschliches Grundverständnis von Schönheit – und zwar über Kulturen und Epochen hinweg.

Das Interview führte Katharina Wyss.

«Im Sinne der Nachhaltigkeit
ist Schönheit ein Gewinn.»

Stefan Sagmeister

Der Künstler Olafur Eliasson reproduziert die Schönheit der Natur, beispielsweise in seinen Wasserfällen oder der Sonne, die er im Tate Modern in London («The Weather Project», 2003) gestaltet hat.
Inwiefern ist Natur notwendig um Schönheit zu produzieren?


Hegel würde sagen, dass die Sonne von Olafur Eliasson schöner ist als die eigentliche Sonne, weil die Sonne des Künstlers nur mit dem Intellekt verstanden werden kann und deshalb eine höhere Art der Schönheit darstellt. Wir selber konzentrierten uns auf die von Menschen gemachte Schönheit, weil der Begriff Schönheit ohnehin schon so gross ist.
Aber natürlich ist die von der Natur geschaffene Schönheit höchst interessant: Gerade für den Begriff der Schönheit, über den wir übereinstimmen, gibt es eine Konditionierung, die von unseren Urururahnen herrührt. Viel von dem, was wir als schön empfinden, hat einen Ursprung in der Steinzeit. Die Mehrzahl der Menschen bevorzugt Blau vor anderen Farben. Das Meer ist blau, wenn es sicher ist. Der blaue Himmel ist ein sicherer Himmel. Da gab es keine Gefahr.


Wenn es nicht die Natur ist, die unser Schönheitsempfinden prägt, was könnte es sonst sein?
Wovon hängt das Schönheitsempfinden ab?


Ein Grossteil der Menschen bevorzugt klare Symmetrien. Experten bevorzugen eine leichte Nicht- Symmetrie, weil sie schon so viel gesehen haben, dass sie eine leichte Störung als interessant empfinden.
Es kann sein, dass die Öffentlichkeit ein Kunstwerk liebt und die Experten darüber herfallen. Wer sich hie und da mal mit Kunst und Design auseinandersetzt, dem wird etwas anderes gefallen als eine Person, die sich beruflich damit beschäftigt. Deswegen sollte bei öffentlicher Kunst die Allgemeinheit befragt werden.
Es gibt auch Ausnahmen, beispielsweise das «Cloudgate» des Künstlers Anish Kapoor in Chicago. Die Skulptur wird von vielen Experten als hochwertige Kunst angesehen und auch von der Bevölkerung geliebt. Kunst oder Musik zu machen, die qualitätsvoll ist und allgemein ankommt, ist die grösste Herausforderung. Es ist sehr schwierig, einen grossen Hollywood- Film zu machen, der gut ist, aber viel einfacher, für ein kleines Spartenpublikum einen Film zu produzieren.

Das «Cloudgate» in Chicago von Anish Kapoor. ©Mack Male
Das «Cloudgate» in Chicago von Anish Kapoor. ©Mack Male


Wer bestimmt, was schön ist?


Es bestimmen jene, für die ein Produkt erzeugt wurde. Wenn ich beispielsweise einen Stuhl für ein Konferenzzentrum gestalte, dann sind es dementsprechend die Besucher des Zentrums. Wenn sie den Stuhl hässlich finden, dann ist dieser auch für mich hässlich – auch wenn ich ihn davor für gut befunden hatte.
Als Designer muss ich mich mit dem Zielpublikum auseinandersetzen. Wenn ich beispielsweise ein CD-Cover für Lou Reed gestaltet hatte und seine Fangemeinde das schlecht fand, dann war das ein schlechtes CD- Cover. Es ist egal, welche Meinung ich davor hatte. Wenn ich mir nicht sicher war und glaubte, das sei nicht der beste Wurf und die Fangemeinde vom Lou Reed hat das Cover geliebt, dann fand ich das Cover auch gut. Ich habe wie eine Fahne im Wind meine Meinung geändert.

Aus der Ausstellung «Beauty»  ©Sagmeister & Walsh
Aus der Ausstellung «Beauty» ©Sagmeister & Walsh


Nach dem zweiten Weltkrieg wurde funktionelle Architektur zum Postulat, auch unter den Gesichtspunkten der Moderne. Gibt es gewisse Zeitepochen, in denen Schönheit wichtiger war als in anderen?
Inwiefern begünstigen gesellschaftliche Veränderungen die Schönheit?


Schönheit war den Griechen ausgenommen wichtig, das wurde von den Römern in einem gewissen Umfang kopiert. Mit der Renaissance, im Barock und Rokoko wurde Schönheit wieder angestrebt.

Im 19. Jahrhundert war Schönheit das Ziel, dem alles unterstellt war. Wenn ich mir heute die Kunstwerke des 19. Jahrhundert anschaue, spricht mich sehr viel nicht an, weil es auf mich kitschig wirkt, weil nur die eine Strategie verfolgt wurde. So wurde in den 50er oder 70er Jahren die Funktionalität vorangetrieben, die dann nicht einmal mehr funktional war.

Wenn die Kunst im 19. Jahrhundert nicht nur die Schönheit einer Landschaft dargestellt hätte, wäre sie interessanter und weniger kitschig gewesen. Das entspricht in gleicher Art und Weise der Funktionalität der Plattenbausiedlung der 70er Jahre. Wenn sie nicht nur funktional gewesen wäre, hätte sie besser funktioniert.

Ich habe in Mexico City ein Haus gemietet. Es wurde so sehr von einem Erdbeben in den 80ern beschädigt, dass es zur Diskussion stand, es abzubrechen. Künstler haben es damals besetzt, weil es so schön war. Wäre das Gebäude stattdessen ein Plattenbau gewesen, hätte sich keiner darum gekümmert. Ein ganz klares Beispiel dafür wie Schönheit den Weiterbestand gerettet hat. Ein anderes Beispiel ist meine dreissig Jahre alte Tasche: Ich lasse sie alle zwei Jahre beim Schuhmacher flicken, weil ich sie schön finde. Im Sinne der Nachhaltigkeit ist Schönheit ein Gewinn, wenn man wegen ihr dreissig Jahre lang dieselbe Tasche verwendet.

Stefan Sagmeister und Jessica Walsh in ihrem Büro in New York, Foto: ©Sagmeister & Walsh
Stefan Sagmeister und Jessica Walsh in ihrem Büro in New York
Foto:©Sagmeister & Walsh
Stefan Sagmeister ist Designer und Art Director aus Österreich, der in New York City tätig ist.

Er arbeitete unter anderem für die Rolling Stones, The Talking Heads, Lou Reed und das Guggenheim Museum. Seine Ausstellungen waren bereits in New York, Philadelphia, Tokyo, Osaka, Seoul, Paris, Lausanne, Zürich, Wien, Prag; Köln und Berlin zu sehen.
Er war Co- regisseur des Dokumentarfilms «The Happy Film» der im Jahre 2017 herauskam.

Mit seiner Business- Partnerin Jessica Walsh gestaltete er die Ausstellung «Sagmeister & Walsh: Beauty», die bis zum 15. September 2019 im Museum für Angewandte Kunst in Frankfurt zu sehen ist.

Dieser Artikel wird in der nächsten Printausgabe des Magazins der Schweizer Baudokumentation mit dem Thema «Museen» abgedruckt.
Das Magazin erscheint am 2. September 2019.

> Hier können Sie das Printmagazin der Schweizer Baudokumentation bestellen.


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