Interview mit Dewi Schönbeck

Interview mit Dewi Schönbeck

Katharina Weber | 16. Juli 2018 | Szene

Architektin Dewi Schönbeck, Director bei CSMM, spricht über Open-Spaces, entgrenzte Arbeitswelten und ihren eigenen Arbeitsplatz. Frau Schönbeck, Sie gestalten Bürolandschaften für grosse Unternehmen wie Siemens, Allianz und Sony. Wie sehen diese aus?
In der Regel wollen Unternehmen bewusst einen innovativen Ort schaffen. Die Allianz beispielsweise wollte eine ideale Umgebung für das Kreieren von neuen Produktideen schaffen. Dies war recht anspruchsvoll, denn das Planungteam sollte eine Customer-Journey im Raum abbilden. Das war entwurfstechnisch herausfordernd, zudem war die Zeit knapp. Das Ergebnis ist die «Global Digital Factory». Dort werden internationale und interdisziplinäre Teams temporär zusammengeschaltet. Das fördert den kreativen Austausch.

Offener Rückzug: Der Arbeitsplatz der Zukunft sieht immer wieder anders aus. (Bilder: Christian Krinninger, Eva Jünger, Ortwin Klipp)

Offener Rückzug: Der Arbeitsplatz der Zukunft sieht immer wieder anders aus. (Bilder: Christian Krinninger, Eva Jünger, Ortwin Klipp)

Das Unternehmen Rio hatte seine Arbeitsweise komplett verändert. Es arbeitet heute gänzlich im Scrum-Verfahren, bei dem schnell und agil Software entwickelt wird. Dabei werden Eigenschaften eines Teilprodukts, das aus Anwender-Anforderungen besteht, in zweiwöchigen Sprints entwickelt. Dann folgt eine Überprüfung und Weiterentwicklung bis zum fertigen Produkt. Deshalb sollten die Mitarbeitenden nicht mehr in Abteilungen sitzen, sondern nach Prozessabläufen wecheln können.

Grossraumbüros galten lange als Wundermittel für Kreativität, Austausch und Effizienz.
Zu Recht?

Jein. Der Begriff Grossraumbüro ist etwas irreführend. Die meisten Leute stellen sich darunter einen einzelnen riesigen Raum vor, wo viele Arbeitsplätze dicht gedrängt sind. Eine solche Umgebung fördert Austausch und Kommunikation nicht. Moderne offene Arbeitsräume sind in verschiedene Zonen gegliedert. So setzt sich beispielsweise der Mitarbeiter einer Designagentur zum Recherchieren aufs Sofa in der Kaffeeküche, konzentriert arbeitet er an einem Einzelarbeitsplatz und zum Telefonieren zieht er sich in einen abgeschlossenen Raum zurück. Deshalb sind die Begriffe Multi-Büros, Bürolandschaften oder Open-Spaces passender. Sind diese gut gestaltet, wirken sie sich tatsächlich positiv auf Effizienz und Kreativität aus. Selbstredend eignen sich für Anwaltskanzleien oder andere Firmen, die vertrauliche Informationen austauschen, solche Strukturen weniger. Generell sollte jedes Unternehmen alle paar Jahre überprüfen, ob die Arbeitssituation auch tatsächlich dem Mitarbeiterverhalten entspricht. Ansonsten läuft es Gefahr, in starren Strukturen zu verharren.

Unternehmen setzen zunehmend digitale Gebäudeautomation ein, um Büroräume auf den jeweiligen Nutzer individuell einzustellen. Was halten Sie von dieser Entwicklung?
Rein technisch betrachtet bieten sich dadurch tolle Möglichkeiten. Wird zum Beispiel die Raumnutzung getrackt, lassen sich effizient Energie und Ressourcen einsparen. Ist zum Beispiel ein Sitzungszimmer einen Tag unbenutzt, so muss dort niemand putzen und das Heizen oder Kühlen entfällt. Allerdings sind viele Arbeitnehmer dieser Technologie gegenüber eher skeptisch eingestellt. Das Bewusstsein für Datenschutz ist hoch in Europa, und viele Menschen sorgen sich, dass der Arbeitgeber sie observieren könnte. Das möchten die Leute nicht, auch wenn sie ihre persönliche, automatisierte Licht- und Stuhleinstellung vielleicht praktisch fänden. Anonymisierte Anwendungen sind jedoch zweifelsohne eine gute Sache. Um einen Besprechungsraum zu belichten, muss das System nur wissen, dass er gebucht ist, nicht von wem.

In den USA liegen Coworking-Spaces nur für Frauen im Trend, wie zum Beispiel «The Wing», auch in der Schweiz gibt es mittlerweile einige. Was halten Sie davon?
Ich persönlich würde immer ein gemischtes Umfeld bevorzugen, aber ich kann gut nachvollziehen, wo die grosse Nachfrage bei «The Wing» herrührt. Ein Standard-Büro für alle ist nicht mehr erwünscht, stattdessen suchen Interessensgruppen individuell auf sie zugeschnittene Arbeitsplätze. So gibt es mittlerweile Coworking-Spaces für verschiedenste Interessengruppen, wie Kreative, IT-ler oder Start-ups. Da ist es naheliegend, dass es auch welche für Frauen mit ihren spezifischen Bedürfnissen gibt.

   
  • Trotz der offenen Struktur ist die «Global Digital Factory» in klar abgegrenzte Bereiche gegliedert. (Bilder: Christian Krinninger, Eva Jünger, Ortwin Klipp)

    Trotz der offenen Struktur ist die «Global Digital Factory» in klar abgegrenzte Bereiche gegliedert. (Bilder: Christian Krinninger, Eva Jünger, Ortwin Klipp)
  • Mit der «Digital Factory» unterhält die Allianz ein optimales Arbeitsumfeld für ihre Produktentwicklung. (Bilder: Christian Krinninger, Eva Jünger, Ortwin Klipp)

    Mit der «Digital Factory» unterhält die Allianz ein optimales Arbeitsumfeld für ihre Produktentwicklung. (Bilder: Christian Krinninger, Eva Jünger, Ortwin Klipp)
  • Je nach Aufgabe und Stimmung stehen den Mitarbeitern verschiedene Rückzugsmöglichkeiten zur Verfügung. (Bilder: Christian Krinninger, Eva Jünger, Ortwin Klipp)

    Je nach Aufgabe und Stimmung stehen den Mitarbeitern verschiedene Rückzugsmöglichkeiten zur Verfügung. (Bilder: Christian Krinninger, Eva Jünger, Ortwin Klipp)
  • Auch Siemens setzt auf Open-Space. Durch die Gestaltung werden Austausch und Kommunikation bewusst gefördert. (Bilder: Christian Krinninger, Eva Jünger, Ortwin Klipp)

    Auch Siemens setzt auf Open-Space. Durch die Gestaltung werden Austausch und Kommunikation bewusst gefördert.  (Bilder: Christian Krinninger, Eva Jünger, Ortwin Klipp)
Wie sieht der Traumarbeitsplatz der Zukunft aus?
Immer wieder anders. Denn einen Arbeitsort, den man jahrelang tagtäglich aufsucht, wird es in Zukunft wahrscheinlich nicht mehr geben. Was heute bereits die digitalen Nomaden praktizieren, nämlich ortsunabhängiges und multilokales Arbeiten, wird sich durchsetzen. Die Mitarbeiter suchen individuelle Gestaltungsfreiheit, Abwechslung und nutzen das Büro für den fachlichen Austausch und soziale Kontakte von Angesicht zu Angesicht. Denn arbeiten kann man in der entgrenzten digitalen Arbeitswelt jederzeit, von fast überall.

Und ihr eigener Arbeitsplatz bei CSMM?
Der ist meistens leer, weil ich viel unterwegs bin (lacht). Wir sitzen in einer offenen Bürolandschaft. Jeder Mitarbeiter hat seinen festen Arbeitsplatz entlang einer offenen Bench. Die einzelnen Stationen umfassen vier bis acht Arbeitsplätze. In der Mitte können wir in einer offenen Arena eine Leinwand runterlassen, um Vorträge zu halten. Das machen wir etwa jeden Freitag beim sogenannten Lunch-and-learn. Daneben gibt es eine kleine Bibliothekssitzecke, vier unterschiedliche Besprechungsräume, einen langen Teeküchentresen und dahinter ein grosses Blackboard.


Wovon raten Sie jungen Architekten bei der Gestaltung von Bürobauten ab?
Viele junge Kollegen konzentrieren sich auf die rein formale Gestaltung von Bürogebäuden. Unterschiedliche Nutzungsszenarien, Flexibilität und technische Funktionalitäten wie Klimatechnik oder Sonnenschutz sollten jedoch von Anfang an im Entwurf bedacht werden. Nur so entstehen gestalterisch anspruchsvolle Gebäude, die nachhaltig vom Nutzer akzeptiert werden.

Frau Schönbeck, vielen Dank für das Gespräch.


Dewi Schönbeck

Die promovierte Architektin Dewi Schönbeck, Director der CSMM GmbH, widmet sich den Arbeitswelten der Zukunft und entwickelt massgeschneiderte, innovative Konzepte für Investoren und Büronutzer. Dewi Schönbeck studierte Architektur an der Universität Stuttgart und der University of Sydney. Zuletzt lehrte sie als Associate Professor Environmental Design am Art Center College of Design in Pasadena, Kalifornien. Für ihre Arbeiten erhielt sie Auszeichnungen vom Bund Deutscher Architekten, auf der Biennale di Venezia und den IF Design Award. Nach beruflichen Stationen bei HENN Architekten, BMW Designworks und Bauwerk Capital wechselte Dewi Schönbeck 2016 zu CSMM. Hier berät und begleitet Dewi Schönbeck Mieter und Eigentümer von der Objektauswahl über die Gestaltung bis hin zur Umsetzung von nachhaltigen Arbeitswelten.

Das Münchener Beratungsunternehmen CSMM ist auf die Gestaltung von Büroimmobilien und Arbeitswelten spezialisiert. Das 50-köpfige interdisziplinäre Team aus Architekten und Designern entwirft, plant und steuert Büroprojekte im In- und Ausland und begleitet seine Kunden bei Change-Management-Prozessen.

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