Handelsschule mit vierblättrigem Grundriss

Handelsschule mit vierblättrigem Grundriss

Virginia Rabitsch | 13. Mai 2019 | Szene

Die von SVIT Romandie mit dem «Prix Bilan de l’immobilier 2018» als bestes öffentliches Gebäude ausgezeichnete Handelsschule Raymond Uldry in Genf steht an einer sensiblen Schnittstelle zwischen städtischem Gebiet und landwirtschaftlicher Nutzung. Das Gebäude besticht durch seine differenzierte volumetrische Anordnung und feingliedrige Gestaltung.

Handelsschule Raymond Uldry von Aussen
Foto: Yves André


Anschliessend an die grossen, am Südufer des Genfersees gelegenen Parkanlagen «Parc de la Grange» und «Parc des Eaux-Vives» in Genf entsteht auf dem Plateau de Frontenex ein neuer urbaner Gürtel, durchdrungen von einem Grünstreifen, der direkt an die Landwirtschaftszone grenzt. Genau an dieser Schnittstelle zwischen Grünanlagen, Landwirtschaftszone und neuen Überbauungen befindet sich die neue Handelsschule Raymond Uldry, die heute ungefähr 1000 Schüler besuchen.

Handelsschule Raymond Uldry Schwarzplan
Schwarzplan: MMA, Meier + Associés architectes SA, Genf


Die Architekten antworten auf diese Situation mit einem Grundriss, der an eine grosse vierblättrige Blume denken lässt. «Das Gebäude sollte ein Gelenk bilden zwischen städtischem und landwirtschaftlichem Umfeld. Gleichzeitig wollten wir aber auch die Geographie mit einbeziehen», erklärt Philippe Meier. Tatsächlich orientieren sich die einzelnen fünfgeschossigen Gebäudeflügel nach der Aussicht: dem Jura im Westen, dem Genfer Hausberg Salève im Süden, den Alpen im Osten und dem See im Norden.

Das Projekt entstand aus einem 2009 gewonnenen Architekturwettbewerb und umfasst 75 Klassenzimmer, drei Turnhallen, eine Mensa, eine Mediathek, eine Aula mit 300 Plätzen sowie Archivräume für den Kanton Genf im Untergeschoss.

Handelsschule Raymond Uldry Grundriss und Schnitt
Erdgeschoss und Schnitt: MAA, Meier + Associés architectes SA, Genf


Diskret minimalistisch
Nähert man sich dem Gebäude, fällt als Erstes die einheitliche Gestaltung der grossflächig verglasten Fassaden mit ihrem filigranen weissen Stützenraster auf. Diese kontrastieren mit dem Grün der Umgebung, die geprägt ist vom imposanten Baumbestand früherer Gärten. Die unregelmässige, scheinbar zufällige Anordnung der in der Fassade sichtbaren Stützen wirkt wie die optische Umsetzung eines musikalischen Rhythmus. Das uniforme Erscheinungsbild hat System: Das Äussere soll nichts darüber aussagen, was sich dahinter, im Innern, befindet. Jedoch ist das statische Konzept in der Fassadengestaltung ersichtlich. So betont der Architekt, dass jede Stütze, die man in der Fassade sieht, auch tatsächlich eine tragende Funktion hat. Deren Anzahl nimmt, gemäss den abzuleitenden Lasten, nach oben von Stockwerk zu Stockwerk ab.

Sichtbetonoberflächen, unterbrochen von glatten weissen Türflächen und weissen Akustikplatten an den Decken, bilden das minimalistische Farb- und Materialkonzept im Innern. Einzige Ausnahme bilden die unterschiedlich farbigen Bodenbeläge und Wandverkleidungen der drei übereinander liegenden Turnhallen, in die einzelne raumhohe Verglasungen in den Korridoren Einblick gewähren.

Ausgetüfteltes Rastersystem
Was der Betrachter nicht sieht, sind die zahlreichen funktionalen und konstruktiven Vorgaben und Abhängigkeiten, die bei der Gestaltung dieses Fassadenrasters berücksichtigt werden mussten. So sollen die Klassenzimmer auf Wunsch der Bauherrschaft zu einem späteren Zeitpunkt allenfalls in ihrer Grösse verändert werden können. Das bedeutet, die Anordnung der Fassadenstützen musste für unterschiedliche Grundrissvarianten ausgelegt werden.

Im Inneren sind die Trennwände zu den Korridoren als eine über vier Geschosse reichende tragende Scheibe ausgebildet. Aus diesem Grund dürfen die Türen zu den Klassenzimmern nicht übereinander liegen. Die Planer mussten deswegen für unterschiedlichste Raumunterteilungen Öffnungen anbieten, damit auch bei verändertem Grundriss immer noch jedes Klassenzimmer erschlossen werden kann und über Fensterflügel verfügt, die sich öffnen lassen.

   
Fest verankert im Erdreich
Ursprünglich war nur eine teilweise Unterkellerung vorgesehen. Doch vor Baubeginn stellten die Ingenieure fest, dass der Baugrund weniger Tragvermögen aufwies als angenommen. Ein Untergeschoss über die gesamte Gebäudefläche sollte das Gewicht des Baus regelmässig verteilen. Die daraus entstehenden Räume werden vom Kanton Genf nun sinnvoll als Archiv genutzt.

Das Gebäude wird über 36 Erdsonden mit Erdwärme geheizt. Es ist das erste Schulhaus im Kanton Genf, das nach dem Genfer Label «très haute performance énergétique» (entspricht Minergie P) zertifiziert wurde. Dementsprechend wurde eine kontrollierte mechanische Lüftung mit Wärmerückgewinnung eingebaut. Dabei werden die Verkehrsflächen nicht belüftet, was den Architekten Freude bereitete: «Ohne abgehängte Decken gewannen wir 60 Zentimeter Raumhöhe, was den Korridoren eine willkommene Grosszügigkeit verleiht.»

Mit nah und fern verbunden
Dank dem kompakten Gebäudevolumen entstanden rund um das Schulhaus grosszügige Freiflächen. Der Eingang ist auf die gegenüberliegende Villa Patry ausgerichtet. Deren Park soll dereinst öffentlich werden, sodass die Schule mit der näheren Umgebung über ein attraktives Wegnetz verbunden sein wird.

Die direkte Aussicht auf Jura, Salève und Alpen ist bereits jetzt schon gegeben.



Der Artikel erschien erstmalig im Magazin der Schweizer Baudokumentation #3, vom 6. Mai 2019.

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