Filigranes Schwergewicht

Filigranes Schwergewicht

Katharina Weber | 18. Mai 2018 | Szene

In Zürich-Wiedikon hat kürzlich das Sportzentrum Heuried wiedereröffnet. Es ist Teil der Sportanlage Heuried aus den 1960er-Jahren, die EM2N Architekten zusammen mit Balliana Schubert Landschaftsarchitekten in den letzten Jahren umfassend erneuert haben.

Trotz der imposanten Grösse fügt sich die neue Eishalle harmonisch in die beschauliche Wohnsiedlung ein. (Bilder: Filip Dujardin)

Trotz der imposanten Grösse fügt sich die neue Eishalle harmonisch in die beschauliche Wohnsiedlung ein. (Bilder: Filip Dujardin)

1965 – Freizeitspass für (fast) alle
«Wahrscheinlich werden noch Jahre vergehen, bis die ganze Anlage im Quartier verwachsen ist und von der Bevölkerung restlos akzeptiert wird», schrieb Architekt Fritz Schwarz bereits im Jahr 1966 über die kurz zuvor eröffnete Freibad-, Sport- und Freizeitanlage Heuried. Obwohl damals die Stadt Zürich mit einem vielfältigen Raumprogramm allen Bevölkerungsgruppen gerecht werden wollte, war der Widerstand gegen das neue Freizeitzentrum gross. Als Grund dafür vermutete Schwarz weniger die von renitenten Nachbarn vorgeschobene Lärmimmission als vielmehr Ressentiments gegenüber «ungewohnten Vergnügungen einer neuen Generation».

Mehr als 40 Jahre später war zwar die Freizeitanlage Heuried von den meisten Anwohnern im Quartier Wiedikon «restlos akzeptiert», bedurfte aber einer umfassenden Sanierung und Erweiterung. Den Wettbewerb dazu entschieden 2012 EM2N Architekten für sich. Bei der Ausführung bereitete bereits der Baugrund die grössten Schwierigkeiten. Früher befand sich nämlich auf dem Areal eine Lehmgrube, die in den 1960er Jahren mit Bauschutt und Füllmaterial zugeschüttet wurde. «Bei der Pfahlgründung mussten wir erstmal durch diese 13 bis 16 Meter tiefe Schicht durch, bevor wir endlich auf tragbaren Untergrund stiessen», so Jochen Kremer, Projektleiter bei EM2N Architekten.

Grundriss Erdgeschoss (Pläne: EM2N Architekten)

Auch für das Energiekonzept musste eine ausgeklügelte Lösung gefunden werden. Die Abwärme, die bei der Eisproduk- tion entsteht, wird für die Brauchwassererwärmung genutzt. Zudem speist eine Photovoltaikanlage Energie in den Kreislauf ein. Nach fünf Jahren Planungs- und Bauzeit öffnete die Anlage, die Eissporthalle, Aus-seneisfeld und Freibad vereint, letztes Jahr erneut ihre Pforten. Das Freibad wurde vor wenigen Tagen eröffnet.

Trotz ihrer imposanten Grösse von über 9000 Quadratmetern fügt sich die neue Eissporthalle in die umgebenden Zeilenbauten harmonisch ein. Ein wenig von der Strasse zurückversetzt und mit einer zur Strassenseite geschlossene Fassade lässt sich die Nutzung des zweigeschossigen Gebäudes von aussen kaum erahnen. Erst unmittelbar vor dem Eingang werden im Aussenbereich Schwimmbecken, Liegewiese und Rutschbahnen sichtbar. Besonders fällt das weit auskragende Dach ins Auge, welches den Eingangsbereich markiert und die Besucher wie mit einer eindrucksvollen Geste empfängt.

Horizontale Ebenen
Der Baukörper bildet einen harmonischen Dreiklang: Ein geschlossenes Sockel- und Erdgeschoss, ein umlaufendes Fensterband im ersten Obergeschoss und ein zu allen vier Seiten auskragendes Dach. Die Differenzierung der einzelnen Geschosse löst das Grossvolumen optisch auf und lässt das Gebäude leicht und filigran wirken. Das Erdgeschoss ruht auf einem Betonsockel. Die geschlossene Holzkonstruktion in Sandwichbauweise mit Stahlbetonstützen verzichtet – ausser im Kassenbereich – auf Fenster und umfasst Garderoben und Sanitäranlagen. Im ersten Obergeschoss sorgt das durchlaufende Fensterband in der Fassade für Transparenz. Die innenliegenden Wände sind als Massivbau ausgeführt.

Das Dach, dessen gesamtes Tragwerk als Holzkonstruktion realisiert ist, erscheint trotz seiner gut 6000 Quadratmeter schwebend und leicht. Dafür sorgt einerseits das unmittelbar unter dem Dach umlaufende Fensterband, andererseits gliedert sich die enorme Dachfläche in viele einzelne Ebenen. Die Idee der horizontalen Ebenenüberschneidung zieht sich durch den gesamten Entwurf: Die Architekten verstehen zum Beispiel die Rasenflächen oder die Bodenbeläge des Bads sowie das Dach mit der Terrasse und dem Steg als horizontale Ebenen. Diese Ebenen überschneiden sich im Eingangsbereich, sodass sich das Innen mit dem Aussen, das Öffentliche mit dem Halbprivaten und das Grossvolumen mit dem Freibereich verwebt.

   
  • Der Eingangsbereich dient als Verteiler für die Nutzung von Eissporthalle, Ausseneisfeld, Restaurant und Freibad. (Bilder: Filip Dujardin)

    Der Eingangsbereich  dient als Verteiler für die Nutzung von Eissporthalle, Ausseneisfeld, Restaurant und Freibad. (Bilder: Filip Dujardin)
  • «Stairway to heaven» heisst die Kunstinstallation von Wiedemann Mettler, die das zentrale Treppenhaus überdacht. (Bilder: Filip Dujardin)

    «Stairway to heaven» heisst die Kunstinstallation von Wiedemann Mettler, die das zentrale Treppenhaus überdacht. (Bilder: Filip Dujardin)
  • In der Eishalle ist die Dreiteilung von Sockel, Fensterband und Dach besonders gut ablesbar. (Bilder: Filip Dujardin)

    In der Eishalle ist die Dreiteilung von Sockel, Fensterband und Dach besonders gut ablesbar. (Bilder: Filip Dujardin)
  • Das Ausseneisfeld ist durch eine Betonrampe vom Freibad abgetrennt. (Bilder: Filip Dujardin)

    Das Ausseneisfeld ist durch eine Betonrampe vom Freibad abgetrennt.  (Bilder: Filip Dujardin)
  • Situation in Zürich-Wiedikon. (Pläne: EM2N Architekten)

    Situation in Zürich-Wiedikon. (Pläne: EM2N Architekten)
Auch den Empfang innen gestalteten die Architekten einladend und grosszügig: Ein Oberlicht überdacht das offene Treppenhaus. Seine bunten Elemente werfen ein farbiges Lichtspiel auf die Stufen wie bei einem Kaleidoskop. Als «Stairway to heaven» bezeichnet das Künstlerduo Pascale Wiedemann und Daniel Mettler das Kunst-und-Bau-Projekt. Hinter der Treppe befindet sich ebenerdig die 2300 Quadratmeter grosse Eishalle, die bereits vergangenen Herbst eröffnet wurde. Hier zeigt sich die Dreiteilung von geschlossenem Sockel, transparentem Glasgeschoss und aufgesetzter Holzkonstruktion als Dach besonders eindrücklich.

Im Aussenbereich befindet sich auf der einen Seite das Ausseneisfeld, durch eine Pergola abgetrennt liegt auf der anderen Seite das Freibad. Bei Erscheinen dieses Hefts wird das Freibad gerade eröffnet worden sein, die Eisfelder und das Restaurant sind dann bereits seit einigen Monaten in Betrieb. «Bislang haben wir von den Anwohnern nur positive Rückmeldungen zur Sportanlage erhalten. Selbst wenn sie keine Pirouetten auf dem Eis drehen, mögen sie das neue Restaurant im Quartier», so Kremer. «Wenn das Freibad seinen Betrieb aufgenommen hat, werden die Anwohner die Anlage bestimmt noch mehr schätzen.»

Standort: Wasserschöpfi 71, 8055 Zürich
Bauherrschaft: Immobilien Stadt Zürich, Grün Stadt Zürich
Bauherrenvertretung: Stadt Zürich, Amt für Hochbauten
Architektur: EM2N Architekten, Zürich
Landschaftsarchitektur: Balliana Schubert Landschaftsarchitekten AG
Realisierung: 2017
Baukosten: CHF 81 Mio. CHF

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