Fassaden begrünen per App: Thomas Rohner

Fassaden begrünen per App: Thomas Rohner

Katharina Wyss | 29. Mai 2020 | Digitalisierung

Die App «towards green cities», die an der Berner Fachhochschule BHF gerade entwickelt wird, soll Möglichkeiten aufzeigen, wie städtische Fassaden als vertikale Gärten verwendet werden können. Durch eine computergestützte Erweiterung der Realitätswahrnehmung («Augmented Reality») sollen Planern wie Bürgern die Zukunft von senkrechten Gärten näher gebracht werden.

Thomas Rohner
Thomas Rohner, Professor für Holzbau & BIM
an der Berner Fachhochschule BFH, ist Mitinitiator der App «towards green cities» und der begleitenden Forschungsarbeit.

Sein Institut für digitale Bau- und Holzwirtschaft (IdBH) arbeitet hierbei mit Prof. Dr. Ulrich Fiedler vom Forschungsinstitut RISIS («Research Institute for Security in the Information Society») zusammen. Beide Institute sind Teil der Berner Fachhochschule, und begrüssen die spartenübergreifende Zusammenarbeit.



Warum interessieren Sie sich für begrünte Fassaden im urbanen Raum?

Der voranschreitende Klimawandel bringt dem städtischen Wohnraum neue Herausforderungen. Smog, Feinstaub, sommerliche Überhitzung, hohe Energiekosten und Lärmbelastung senken die Wohn- und Lebensqualität. Dichte Städte bieten dazu oft wenig Naherholungsraum.

Vertikale Begrünungen können den Stadtraum durch Beschattung und Feuchteausgleich kühlen. Das kann den Wert von ganzen Strassenzügen steigern. Es ist nachgewiesen, dass Pflanzen ein angenehmes Mikroklima schaffen und Feinstaub reduzieren. Zu einer lebenswerten Stadt gehört für mich auch die Biodiversität. Wenn Schmetterlinge vor dem Wohnungsfenster tanzen, ist das schön. Wenn vertikale Begrünungen dies ermöglichen, weil sie nektarführende Pflanzen beinhalten, die den Schmetterling ernähren, ist das umso besser. Das sind eindeutig Soft-Faktoren, die man nicht messen kann.

Das Gebäude der Stiftung für polnische Wissenschaft in Warschau
Das Gebäude der Stiftung für polnische Wissenschaft in Warschau wurde bei seiner Sanierung im Jahr 2014 um einen vertikalen Garten erweitert. Das Gebäude aus den 1930er Jahren ist nun mit einer lebenden Haut aus 20 verschiedenen Pflanzen umhüllt. Foto: Bartłomiej Senkowski © FAAB Architektura

Wieso interessiert Sie als Holzbauer, speziell mit Ihren Erfahrungen mit BIM-Technologien, dieses Thema?

Damit die Vorteile von begrünten Fassaden verstanden werden, wollen wir in einem ersten Schritt mit dieser App die Visualisierung in den Vordergrund stellen. Denn im Hoch-, Tief- und Infrastrukturbau ist Building Information Modeling (BIM) als Methode des digitalen Bauens der aufkommende Standard. «Augmented Reality», also die computergestützte Erweiterung der Realitätswahrnehmung, soll es mittels Smartphone möglich machen, bestehende Häuser mit vertikaler Begrünung zu zeigen.

Wenn man allein schon auf dem Display des eigenen Handys sein Haus mit einer bepflanzten Front sieht, versteht man, wie gut das aussehen kann. Je nach Jahreszeit kann sich diese Fassade auch ändern. Im Frühling hat sie vielleicht Blumen, der Herbst färbt die Blätter der Fassade eventuell weinrot.

Über diese App können wir erreichen, dass sich Bewohner, wie auch Nachbarn, Bauträger, Investoren und Behörden überhaupt einmal über begrünte Fassaden Gedanken machen und sich einen Zugang zu diesem Thema schaffen können. Die Visualisierung grüner Fassaden ist bis heute allerdings nur mit sehr grossem Aufwand und komplexer Infrastruktur möglich.

Erst im zweiten Schritt geht es in der begleitenden Forschungsarbeit an meinem Institut um die Technologie, also darum, wie diese bepflanzten Fassadenmodule konkret gebaut werden können.

Parking House Lüders, Kopenhagen; Jaja Architects
Jaja Architects haben das Parking House Lüders in Kopenhagen mit begrünter Fassade und einem Spielplatz auf dem Dach entworfen. Foto:Jaja Architects © Rasmus Hjortshøj

Wieso konzentrieren Sie sich im ersten Schritt auf die Darstellung der Begrünung?

Es gibt bereits viele Apps, die Oberflächen darstellen können, beispielsweise um einen neuen Look für Küchenfronten auszuwählen. Eine begrünte Fassade ist aber nicht so dünn wie eine Schicht Farbe, die für die Berechnung solcher Modelle als Grundlage dient. Die Bepflanzung ändert auch das Gesicht eines Hauses. Beispielsweise muss bei den Anschlüssen zu den Fenstern je nach Aufbau der Fassade eine gewisse Aufbauhöhe einberechnet werden.

Doch zunächst geht es darum, diese Fassaden durch die App überhaupt anschaulich zu machen, also quasi zu «bemustern». Unsere bisherigen Erfahrungen mit Augmented Reality zeigen allerdings, dass realitätsnahe Bilder oft für bare Münze genommen und fast wie ein Vertragsbestandteil behandelt werden.

Wir können nur mit Feldversuchen testen, wie sehr diese Fassaden auf Akzeptanz stossen. Es ist schön, wenn man realisiert, dass man mit seinem Handy durch das Quartier gehen kann, um diese vertikalen Begrünungen in Form von Augmented Reality ansehen zu können. Was davon dann wirklich Anklang findet, müssen wir erst rausfinden. Dies ist Teil der laufenden Forschung.

Postgebäude, Bern
Ein Teil der Nordseite beim Postgebäude in der Nähe des Bahnhofs Bern weist eine begrünte Fassade auf.
Foto: Stefan Schmid

Inwiefern werden die ökologischen Vorteile, die das Mikroklima beeinflussen, in der App als Information aufrufbar sein?

Die Flortiefe der Begrünung hat den grössten Einfluss auf Feinstaubbildung und Temperatursenkung. Zehn Zentimeter dickes Flor, das für Gräser und Blumen verwendet wird, wirkt dabei stärker als das recht dünne Flor, das man für Moosoberflächen benutzen kann. Je nach Flortiefe verändert sich das Bild des Hauses. Fenster könnten plötzlich so klein wie Schiessscharten werden, weil der zusätzliche Wandaufbau dermassen dick geworden ist.

Wir wissen klar aus der Akustik, dass Flächen mit mehr Oberfläche Schall absorbieren können. An der Berner Fachhochschule gibt es auch einen agronomischen Zweig, die Hochschule für Agronomie, Forst und Lebensmittelwissenschaften (HAFL). Sobald wir an den Punkt kommen, um konkret auszutesten, welche Pflanzen sich überhaupt eignen, werden wir die Zusammenarbeit mit ihnen suchen.

Wir können also noch nicht sagen, wieviel Prozent Feinstaub gebunden wird, um wieviel Grad die Temperatur im Strassenraum sinkt oder wie die Begrünung Lärm mindert. Das wäre aber ein Ziel des BIM-Prozesses und der Simulation am digitalen Zwilling.



Zunächst geht es darum, diese Fassaden durch die App überhaupt anschaulich zu machen.



Wie werden die Ergebnisse evaluiert und weiterverwendet?

Die Verbreitung wird nach dessen Entwicklung im nächsten Jahr über Workshops geschehen, teilweise in Investorenkreisen. Danach wird evaluiert, wie gut die Arbeit ankommt. Auf diesen Weg hoffen wir, uns weiterführende Forschungsprojekte sichern zu können.



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