Energie-Contracting richtig ausschreiben

Energie-Contracting richtig ausschreiben

14. Januar 2019 | Fachwissen

Vorwort

Einleitung
Energie-Contracting bietet entscheidende Vorteile, so die Auslagerung von technischen Risiken, die optimale Einbringung von Knowhow in Energieprojekte und die Entlastung der Investitionsbudgets. Energie-Contracting, oder kurz: Contracting, ist in unseren deutschsprachigen Nachbarländern und in einzelnen Regionen der Schweiz bereits weit verbreitet. EnergieSchweiz, das Programm des Bundesamtes für Energie, ist mit Swiss Contracting eine Partnerschaft zur Förderung des Energie-Contractings eingegangen. Denn: Contracting ist eines der Instrumente, mit welchen die Ziele der Schweizer Klimapolitik erreicht werden sollen.
Swiss Contracting ist der Schweizer Fachverband für Energie-Contracting. Er ist unabhängig und nicht gewinnorientiert und hat die Verbreitung und Förderung des Energie-Contracting in der Schweiz zum Ziel. Swiss Contracting ist ein nationaler Verband, der die Interessen aller am Contracting-Markt Beteiligten wahrnimmt.
Der vorliegende Leitfaden richtet sich an Architektinnen und Architekten. In ihrer Funktion als Gesamtverantwortliche für Neubau oder Modernisierung von Gebäuden spielen sie eine entscheidende Rolle, wenn es um die künftige Energieversorgung von Immobilien geht – und damit auch um den zukünftigen Energieverbrauch unserer Gesellschaft.
Architektinnen und Architekten finden hier in kompakter Form die wichtigsten Prinzipien und Argumente sowie handfeste, praxiserprobte Tipps rund ums Contracting.

Dieser Artikel wurde in Zusammenarbeit mit Swiss Contracting erstellt.
Herausgeber und Autor: Michael Gergey


Das Prinzip Energie-Contracting

2.1 Funktion von Contracting

Das ist Energie-Contracting
Energie-Contracting ist die Auslagerung von Planung, Finanzierung, Bau und Wartung einer Energieversorgungsanlage an eine Firma, den Contractor.
Contractoren sind Unternehmen, die sich auf die Energieversorgung von Gebäuden und Prozessen spezialisiert haben. Der Contractor ist im Bauprozess verantwortlich für
• die Fachplanung der Wärmeerzeugung (und oft auch der Wärmeverteilung), meist in
  Zusammenarbeit mit einem regionalen Fachplaner,
• die Finanzierung der Wärmeanlage auf eigene Rechnung,
• die Ausführungsplanung und Installation der Anlagen, meist in Zusammenarbeit mit regionalen
  Unternehmern und
• die spätere Wärmelieferung (inklusive Service, Reparaturen, Unterhalt und Erneuerung), meist in
  Zusammenarbeit mit regionalen Unternehmern.


Der Contractor ist ein umfassender Dienstleister


Die Energieversorgung wird unter vertraglich klar geregelten Rahmenbedingungen ausgelagert 1). Der Bauherr schliesst mit dem Contractor einen Energieliefervertrag ab. Darin legen die Vertragspartner fest, was der Contractor zu welchen Bedingungen zu liefern hat:
• Energie-Menge → Leistung (kW), Verbrauch (kWh)
• Energie-Form → Wärme, Kälte, Strom usw.; Definition von z.B. Temperatur Vor-/Rücklauf
• Schnittstelle → Schnittstelle zum Verteilsystem, Zuordnung der Verantwortung
• Vertragslaufzeit → üblich 15 bis 20 Jahre bzw. durchschnittliche Nutzungsdauer der Anlage
• Kosten → Grund- und Energiepreis
• Primärenergie → Anteile der verschiedenen Energieträger
Im Contracting übernimmt der Ersteller der Anlage die Funktionsgarantie nicht nur während ein bis fünf Jahren nach Bauabschluss, sondern während der gesamten Laufzeit des Contracting-Vertrags. Dabei ist besonders zu beachten, dass der Contractor auch für den Betrieb und Unterhalt der Anlage verantwortlich zeichnet.
Der Bauherr hat im Contractor einen einzigen zuständigen und kompetenten Ansprechpartner, wenn es um die Energieversorgung seiner Gebäude oder Prozesse geht.

1)Vom englischen Wort «contract» für «Vertrag» rührt denn auch die Wortschöpfung «Contracting»

Nutzen von Contracting

2.2.1 Vorteile für die Bauherrschaft
Wärmeliefergarantie während gesamter Vertragslaufzeit
Der Contractor ist dafür ausgebildet, die Risiken von Energieanlagen abzuschätzen und ihnen mit Massnahmen zu begegnen. Der Contractor gibt eine Wärmeliefergarantie über die Vertragslaufzeit ab, in der Regel also über 15 Jahre. Damit geht er bedeutend über die Garantiefrist für versteckte Mängel hinaus (lediglich 5 Jahre).
Er versichert die Anlagen gegen Feuer, Elementarschäden oder Diebstahl und technische Risiken genauso wie gegen Vermögensschäden. Energiebereitstellung ist sein Kerngeschäft. Fällt eine Anlage aus, wird er im schlimmsten Fall eine mobile Zentrale zur Überbrückung des Ausfalls installieren.

Entlastung des Bauherren-Investitionsbudgets
Der Contractor finanziert die Anlage selber. Die Bausumme wird tiefer, ebenso die Hypothekarbelastung. Die Anlage wird im Betrieb über die laufenden Kosten amortisiert, die Belastung ist damit besser verkraftbar.
Mit Contracting setzt der Bauherr konsequent das Prinzip der Lebenszeit-Betrachtung um. Die Kosten während der ganzen Lebenszeit der Anlage werden optimiert und nicht – wie häufig üblich – nur die Höhe der Anfangsinvestition. Sollte eine optimale Anlage in der Beschaffung etwas kostenintensiver sein, holt sie dieses Handicap dank geringerer Betriebskosten wieder auf.
Contractinggebühren sind voraussehbare, kalkulierbare Ausgaben in den laufenden Kosten. Es treten keine zusätzlichen, überraschenden Kosten für Reparaturen oder Erneuerungen auf, auch nicht bei Schäden oder unerwarteten Problemen an der Anlage.

Zugeschnittene Anlagen mit optimalem Wirkungsgrad
Im Interesse des Contractors liegt es, eine qualitativ hochstehende Anlage zu realisieren. Diese wird daher möglichst kostengünstig und sparsam in Energieverbrauch, Betrieb und Unterhalt geplant. Für Reparaturen und Unterhalt aller Art ist der Contractor verantwortlich.
Ein niedriger Wärmepreis ist nur mit einem guten Wirkungsgrad der Energieerzeugung zu erreichen. Um eine gute Offerte einreichen zu können, muss der Contractor daher mit optimalem Wirkungsgrad rechnen – und später die Anlage so betreiben, damit die Rechnung aufgeht.

Mengenvorteile
Weil der Contractor mehrere Anlagen betreut, profitiert er von Mengenvorteilen:
– beim Energieeinkauf
– bei der Lagerhaltung
– beim Service.
Das ist die Idee von Contracting: Die Eigeninteressen des Contractors so auszurichten, dass sie der Bauherrschaft dienen.

Nachhaltige Energieversorgung
Dank Contracting lassen sich die ökonomischen und ökologischen Ziele des Bauherrn mit wirtschaftlichen Anforderungen verheiraten. Die häufig höhere Anfangsinvestition für Anlagen mit erneuerbaren Energien ist mit Contracting kein Problem mehr.


Risikosituation beim Eigenbetrieb und im Contracting


2.2.2 Vorteile für den Architekten

Vorteile für den Bauherrn zur Geltung bringen
Der Architekt ist stets bestrebt, für seinen Bauherrn optimale Lösungen zu finden. Mit der Berücksichtigung einer Contracting-Variante kann der Architekt die Wünsche der Bauherrschaft nach einer nachhaltigen Energieversorgung mit Wärmeliefergarantie und gleichzeitiger Entlastung des Investitionsbudgets erfüllen.

Systemwahl
Wichtig für den Architekten ist die Systemwahl, also welche Bedürfnisse des Bauherrn und welche gesetzlichen Bedingungen zu erfüllen sind sowie welcher Energieträger und welche Technologie die Wärme liefern soll. Denn davon sind viele Entscheide abhängig: der Platzbedarf, die Leitungsanschlüsse und die Auslegung der Wärmeabgabe sowie die ökonomische und ökologische Belastung. Der Contractor unterstützt den Architekten bei der Systemwahl: In der Contracting-Offerte können die Architekten auch die Preise für mehrere Systeme abfragen, was einen Systemvergleich verschiedener Energieträger oder Technologien für das Objekt zulässt.

Entlastung von technischen Details
Der Architekt kann die Technik der Wärmeerzeugung an eine kompetente und vertrauenswürdige Firma abgeben. Die für den Bauprozess und die Nutzung des Gebäudes wichtigen Eckwerte sind im Energieliefervertrag festgelegt, technische Details obliegen dem Contractor, der Architekt wird entlastet.

Geringerer Koordinationsaufwand
Im Contracting übernimmt der Contractor die Gesamtverantwortung für die Wärmeanlage. Der Architekt hat einen einzigen, kompetenten und entscheidungsbefähigten Ansprechpartner für diesen Teil des Bauprozesses. Der Koordinationsaufwand ist dank der Vereinfachung dieser Schnittstelle erheblich geringer.

2.2.3 Geeignete Projekte für Energie-Contracting

Contracting eignet sich gleichermassen für Modernisierung, Sanierung und Neubau sowie für alle üblichen Energietechnologien mit fossiler oder erneuerbarer Energiequelle.
Je grösser das Projektvolumen ist, desto mehr erweitert sich der Optimierungsspielraum für den Contractor. Es gibt sogar Projektbeispiele für einzelne Einfamilienhäuser. Typische Anwendungsgebiete von Contracting sind: einzelne oder mehrere Mehrfamilienhäuser, mehrere Einfamilienhäuser bzw. Reihen-Einfamilienhäuser, öffentliche und private Büro- und Dienstleistungsgebäude und Industriebauten.

3 Das erfolgreiche Vorgehen

3.1 Wettbewerb dank Ausschreibung

Dem Architekten und seiner Bauherrschaft steht eine ganze Reihe an Contractoren zur Verfügung, die ihre Dienstleistung regional oder gesamtschweizerisch anbieten. Der Bauherr kann den Wettbewerb nutzen und von verschiedenen Contracting-Anbietern Angebote einholen. Damit lassen sich die Kosten optimieren. Zudem spielt der Wettbewerb auch auf der Ebene der Anlagenkonzepte: Erfahrene Contractoren sind ihren Konkurrenten auch dank guten Konzepten immer eine Nasenlänge voraus.

3.2 Die Contracting-Ausschreibung

3.2.1 Stand der Planung bei derAusschreibung
Die Contractoren können ihr energietechnisches Know-how (und ihre Optimierungsfähigkeiten) dann am besten zur Geltung bringen, wenn ihnen nur funktionale Vorgaben gemacht werden. Es sollte nur die benötigte Leistung und Energiemenge vorgeschrieben werden, nicht aber bestimmte Produkte oder Hersteller.
Auf der Stufe Vorprojekt haben Architekten bisher die meisten und besten Erfahrungen mit Contracting-Ausschreibungen gemacht. Minimal sollten vor der Ausschreibung definiert sein: Leistung, Energiemengen, Schnittstelle und Anteil erneuerbarer Energieträger.
Wird die Anlage vor der Contracting-Ausschreibung durchgeplant und eine konkrete technische Ausgestaltung vorgeschrieben, geht der Spielraum für die Contractoren verloren. Dann kann das wirtschaftliche und technische Spektrum nur sehr begrenzt berücksichtigt werden.

3.2.2 Ausschreibungsunterlagen
Die empfehlenswerten Inhalte einer Contracting-Ausschreibung sind in der Checkliste «Ausschreibungsunterlagen» aufgelistet. Checkliste zum Herunterladen an Ende dieses Artikels.

Die Ausschreibungsunterlagen sollen den Willen und den Wunsch der Bauherrschaft enthalten. Die Ausschreibung soll deutlich machen, welche Anforderungen der Contractor mit seinem Angebot unbedingt erfüllen muss (Leistung, Energiemenge) und wo Spielraum für Optimierungen herrscht (z.B. Varianten für den Energieträger).
Architekten sind in den wenigsten Fällen Energieexperten, die diese Angaben ohne Hilfe berechnen und zur Verfügung stellen könnten. Der Vertrauens-Fachplaner kann hier einspringen. Oder der Architekt kann die eigens zugeschnittene Ausschreibungs-Dienstleistung von Swiss Contracting in Anspruch nehmen. Im Verband akkreditierte Fachplaner mit speziellem Know-how in der Contracting-Ausschreibung erstellen die Ausschreibungsunterlagen. Diese Fachleute können auch bei der Beurteilung der eingereichten Offerten helfen. Der Fachplaner für die Ausschreibungsunterlagen sollte mindestens die folgenden Bedingungen erfüllen:
• Verfügt über Erfahrung (Referenzen) bei der Ausschreibung und/oder Realisierung von Energie-
  Contracting-Projekten.
• Kennt die Empfehlungen aus dem vorliegenden Leitfaden und ist gewillt, sie umzusetzen.
Die bei Swiss Contracting akkreditierten Fachplaner erfüllen diese Anforderungen.

3.2.3 Einholen von Angeboten
Wie bei allen Offertrunden üblich wird empfohlen, mindestens drei Contractoren zur Offerte einzuladen.
Adressen von Contractoren sind auf der Homepage von Swiss Contracting aufgelistet: www.swisscontracting.ch, Rubrik Service/Contractoren.

Die Mitglieder von Swiss Contracting sind in der Projektbörse zusammengeschlossen. Architekten können sie kostenlos in Anspruch nehmen. Die Projektbörse funktioniert so: Die Ausschreibungsunterlagen für ein Projekt werden den Contractoren über Internet zur Verfügung gestellt. Die interessierten Contractoren reichen zuhanden des Architekten Angebote ein. Die Geschäftsstelle des Fachverbands fungiert als Koordinationsstelle. Auf diese Weise erhält der Architekt schnell und kostenlos qualitativ hochstehende Angebote.

3.2.4 Vergleich der Angebote
Wichtige Kriterien für den Angebotsvergleich von Contracting-Offerten sind in der Checkliste «Angebotsvergleich» aufgeführt.

3.2.5 Ablaufschema und Schnittstellen (nach SIA 112/2001)
Empfehlenswerter Zeitpunkt für die Contracting-Ausschreibung ist die Phase «Vorprojekt». Das Bauprojekt, die Unternehmersuche und die Ausführung für die Energieversorgungsanlage sind danach Sache des ausgewählten Contractors.


Ablaufschema: Das erfolgreiche Vorgehen


Der Contractor ist Gesamtverantwortlicher für die Energieversorgung des Gebäudes. Er schliesst mit dem Bauherrn den Energieliefervertrag ab. In Koordination mit dem Architekten erstellt der Contractor die Anlage.


Partner des Architekten im Contracting


3.2.6 Second opinion und Projektprüfung
Will sich der Architekt oder der Bauherr rückversichern, kann er bei Swiss Contracting eine Zweite Sichtung (Second opinion) von Ausschreibungsunterlagen und/oder Angebotsvergleich anfordern. Zudem kann der Bauherr oder der Architekt verlangen, dass das auszuführende Projekt die Swiss-Contracting-Projektprüfung durchläuft. Hierbei prüft ein akkreditierter Prüfexperte das Contractingprojekt des ausgewählten Contractors. Prüfkriterien sind: Verträge, Technik, Wirtschaftlichkeit und Sicherheit. Besteht das Projekt die Prüfung, wird es vom Fachverband für die Finanzierung und Realisierung empfohlen.
Zudem wird es mit der Swiss-Contracting-Weiterbetriebsgarantie ausgestattet. Die Weiterbetriebsgarantie sorgt dafür, dass die Anlage zu jeder Zeit im Sinne des Energieliefervertrags betrieben wird, auch wenn der Contractor dauerhaft ausfallen sollte. Swiss Contracting würde in einem solchen Fall den interimistischen Betrieb organisieren und die Anlage an einen neuen Contractor weitervermitteln.
Die Projektprüfung ist auch Bedingung für die Aufnahme des Projekts in den Multirisk Contractingschutz. Dies ist eine spezifische Rahmenversicherung für Contracting-Projekte mit vorteilhaften Konditionen.

3.2.7 Ansprechstelle
Wenn Sie Fragen haben, wenden Sie sich an:
Swiss Contracting
Forum für Energiedienstleistungen
Postfach 304
5103 Möriken
Tel. 062 534 01 81
info@swisscontracting.ch
www.swisscontracting.ch

Checkliste Ausschreibung und Angebotsvergleich
Herunterladen der Checkliste Ausschreibungsunterlagen und Angebotsvergleich.


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