Disruption in der Bauwirtschaft

Disruption in der Bauwirtschaft

Manuel Pestalozzi | 13. Januar 2019 | Digitalisierung

Die digitale Transformation der Baubranche ist in vollem Gange. Doch im Zuge der sich schnell wandelnden Branche stellen sich Fragen, und es entstehen Ängste: Steht die Branche wegen der Digitalisierung vor einer grossen Disruption, sprich einer Zerstörung des bestehenden Marktes und der Zerschlagung seiner Unternehmen? Gehen zahlreiche Arbeitsplätze durch Automatisierung und Roboterisierung verloren? Ungewissheit herrscht auch über die Richtung dieser digitalen Transformation: Lässt sie sich steuern und gestalten? Und wenn ja: von wem? Oder positiv gefragt: Welche neuen Geschäftsfelder und Businessmodelle entstehen durch die Anwendung der BIM-Methode in der Baubranche? – Die Referenten und Diskussionsteilnehmer des Themenblocks «Disruption» des BIM-Kongresses 2018 sehen die Transformation in erster Linie als Chance für alle Beteiligten, die aber auch voller Herausforderungen stecke: Nicht nur muss eine neue Kultur der Zusammenarbeit entstehen, und mit ihm neue Arbeitsbereiche, die Mitarbeitenden müssen auch für den ständigen Wandel fit gemacht werden. Eine vielfältige Aus- und beständige Weiterbildung soll dafür sorgen, dass die Mitarbeiter genügend Agilität erwerben können.

Markus Weber, Präsident von Bauen digital Schweiz, sieht die Baubranche im bundesrätlichen Aktionsplan untervertreten. Bild: Aissa Tripodi


Wohl ungewollt liefert der Bundesrat dem dritten Schweizer BIM-Kongress den aktuellen Aufhänger. Wenige Wochen vor dem Event, der erstmals im Basler Kongresszentrum stattfindet, gibt der Magistrat seine Strategie «Digitale Schweiz» für die nächsten zwei Jahre bekannt. Im dazugehörigen Aktionsplan befindet sich auch ein Kapitel «Digitaler Gebäudemodellstandard». Darin sieht der Bundesrat die Schweiz in Sachen Building Information Modeling «technologisch im Rückstand». Deshalb schreibt der Bund für die Immobilien aller bundesnahen Betriebe ab 2021 die BIM-Methode verpflichtend vor. Bei den Infrastrukturprojekten ist BIM ab 2025 Pflicht. Zudem wird der Verein Bauen digital Schweiz namentlich erwähnt und fürs 2019 mit 5-10 Millionen Franken Forschungsgeldern bedacht.

In seiner Eröffnungsrede zum BIM-Kongress sieht Markus Weber, Präsident von Bauen digital, die Baubranche dennoch im bundesrätlichen Aktionsplan untervertreten. Ein Blick in den Plan gibt dem Präsident von Bauen digital Schweiz Recht: Gerade das eine genannte Kapitel des 31-seitigen Dokuments widmet sich dem Bauwesen. Weber: «Da haben wir in Bern grossen Nachholbedarf».

Fortschritte kann Weber dafür bei der nationalen und internationalen Zusammenarbeit in Sachen Digitalisierung vermeldet. National: Am 31. Oktober 2018 hat der Vorstand des Netzwerks Digital beschlossen, dass «die digitale Transformation und ihre wesentlichen Aufgaben im Bereich Normen, Aufgaben, Standards und Befähigungen gemeinsam mit dem SIA, dem CRB, KBOB, IPB, Bauen digital Schweiz und buildingSMART vorangetrieben werden».

Auf internationaler Ebene haben am Kongress die buildingSMART-Chapter der Schweiz, Deutschlands, Österreichs und Frankreichs eine gemeinsame Note unterzeichnet, «über die internationale Zusammenarbeit im Use Case Magament, das von buildingSMART und Bauen digital Schweiz lanciert wurde». «Diese Schritte sind zwar noch klein», so Markus Weber. «Aber wir sind überzeugt, dass wir damit Grosses bewirken können.» Wenn die Beteiligten im Bereich der Normierung gemeinsame Lösungen finden, können sie den digitalen Wandel aktiv gestalten. «Die Chefs müssen eine neue Zusammenarbeitskultur schaffen und die Veränderungsfähigkeit schärfen, auch die eigene.»

Weber schneidet auch das Thema des ersten Kongressblocks an, die Disruption. Das Wort, 2017 von der Frankfurter Allgemeinen Zeitung zum «Wirtschaftswort des Jahres» gekürt, stammt aus dem Lateinischen und bedeutet wörtlich übersetzt «Auseinanderreissen», wird aber oft unscharf mit «Zerstörung» übersetzt. Der Begriff bezeichnet den Prozess, bei dem ein bestehendes Geschäftsmodell durch eine Innovation rasch abgelöst oder gar zerschlagen wird. In der Schweiz, kann Markus Weber beruhigen, seien derzeit noch keine solcher disruptiven Geschäftsmodelle auszumachen, vor denen viele Angst haben.



«Bei der Agilität muss die Schweiz noch aufholen», so Marianne Janik, CEO Microsoft Schweiz. Bild: Aissa Tripodi


Agilität und Wettbewerbsfähigkeit
Marianne Janik ist CEO von Microsoft Schweiz, seines Zeichens Digitalpartner beim Milliardenprojekt «The Circle» beim Flughafen Zürich. Janik hält fest, dass die Vernetzung und Digitalisierung in einigen Bereich bereits Tatsache sei, dass die Schweiz schon heute eine grosse Smart City darstelle. Beim Circle versucht Microsoft unter Beweis zu stellen, wie ein solches Ökosystem proaktiv entstehen kann, indem man heute schon das System vorbereitet, das in zwei Jahren umgesetzt wird. «Wir können hier ein neues, urbanes und digitales Erlebnis entstehen lassen.»

Mit dem Projekt Circle am Flughafen Zürich will Microsoft ein neues, urbanes und digitales Erlebnis entstehen lassen. Bild: Microsoft Schweiz

Vor diesem Hintergrund entwickelt sie den Gedanken der Plattform: «Die Vernetzung führt immer mehr zu einer Plattform-Ökonomie, auch in der Baubranche, wobei nicht abzusehen ist, wer dieses Geschäftsfeld in Zukunft führen wird.» Und es stellen sich weitere Fragen: Wer werden die Technologieanbieter dieser Plattformen sein, wer die Player in diesem neuen Geschäft? Wie lässt es sich regulieren und welche Rolle spielen die Staaten darin? Für die Schweiz sieht Janik gute Chancen, «weil wir mit unseren vielen KMU die Chancen haben, rasch Produkte zu entwickeln, Prototypen nach vorne zu bringen».

Aktuell belegt die Schweiz beim Index der Wettbewerbsfähigkeit den fünften Platz, was Marianne Janik positiv stimmt. «Der Index bewertet nach zwei Kriterien: Wie stark sind die modernen Technologien im Land für jedermann, auch für KMUs wirklich erschwinglich? Und wie hoch ist die Agilität der einzelnen Arbeitenden und der Unternehmen?» Vor allem bei der Agilität müsse die Schweiz noch aufholen. Handlungsbedarf macht die Microsoft-CEO in vier Bereichen aus: Operations, Mitarbeiter, Innovation und Kunden. «Operations: Wie sieht mein Betriebsmodell aus, wie schlank und agil ist es?» Bei den Mitarbeitern brauche es eine enge «Feedback-Perspektiven-Kultur, um Wissen und Erfahrungen der Leute rasch ins Unternehmen zu bringen» und die Mitarbeiter auch mit den nötigen Daten und Infos zu versorgen. Innovation entsteht aus der Fähigkeit, Ideen schnell in «Proofs of Concept» und Piloten umzusetzen. Marianne Janik macht deutlich: «Unternehmen, die diese Fähigkeit haben, sprechen nicht über Disruption.»

Riesiges Potenzial in der Branche
Mit der digitalen Transformation, ihren Gefahren und Möglichkeiten, und mit dem Stichwort der Agilität befasst sich die Podiumsdiskussion. Benoît Demierre, Vizedirektor bei der Losinger Marazzi SA, unterstreicht das riesige Potenzial in der Branche, die aber lernen müsse, sich rascher zu bewegen und die Kurve zu kriegen. «Wir selber sind seit zwei Jahren ein Totalunternehmer und eine Entwicklungsfirma. Wir schauen auf den Kunden, auf sein Bedürfnis nach Räumen, und wie er diese betreiben will.» Die Kunden seien dabei nicht Immobilienfonds, sondern die Bewohner der Gebäude und Quartiere. Angst vor diesen Entwicklungen nimmt Demierre deutlich wahr: «Bei jedem Gespräch mit Bauarbeitern, aber auch mit Firmenchefs. Aber die Arbeitsplätze gehen nicht einfach verloren, sondern verändern sich.» Er nennt als Beispiel den Automobilbau, der heute einen extrem hohen Grad an Automatisierung erreicht habe. «Trotzdem arbeiten heute oft mehr Menschen in den Fabriken als früher.»

Was den Mitarbeiter als Kunden betrifft, zeigt sich Demierre einig mit der Microsoft-CEO Janik, die vom «War for Talent» spricht. «Wir haben zu wenige gute Fachkräfte für die Digitalisierung.» Der Grund sei im Image der Branche zu sehen, das es dringend zu modernisieren gelte. «Mein Traum ist, dass die jungen Leute heute nicht mehr zu Microsoft oder Google gehen wollen, sondern zu Traditionsunternehmen, zum Beispiel eben in der Baubranche. Doch das passiert im Moment noch überhaupt nicht.»


Verständnis für Chancen und Nachteile
Stephan Siegrist, der Gründer und Leiter Think Tank W.I.R.E., führt an, dass die Arbeitnehmer für eine Transformationen ein breites Set an Kompetenzen benötigen. Man müsse die Möglichkeit zur Bildung dieser Kompetenzen schaffen: «Die Antwort auf Technologisierung ist nicht noch mehr Technologie.» Es gelte, die gesellschaftlichen Auswirkungen der Technologisierung anzuschauen und diese abzufedern. «Wir nehmen die Digitalisierung als Tsunami wahr, der alles wegschwemmt», so Siegrist. «Die Veränderung ist aber steuerbar, wenn wir das Verständnis für die Chancen und Nachteile behalten.»

Zusammenfassend sehen die Diskussionsteilnehmer bei der digitalen Transformation eher die Chancen als Ängste im Vordergrund. «Die Disruption, diese schlimmste Form der Veränderung, findet noch nicht statt», bilanziert Markus Weber. «Die Chancen überwiegen und wir haben noch Zeit, die Veränderung zu gestalten.»

Ein zentrales Instrument hierfür sieht Weber im Stufenplan Digitalisierung, dem der BIM-Kongress einen eigenen Themenblock widmet. «Er hat die effiziente, verträgliche und koordinierte Digitalisierung des Bauwesens zum Ziel.» Um die Transformation zu beschleunigen, müsse die Branche aber das Miteinander noch mehr in den Vordergrund rücken. «Digitalisierung bedeutet Vernetzung, sowohl von Menschen wie von Organisationen.»

Auskünfte und weitere Informationen bei Bauen digital Schweiz


Der Artikel ist erstmalig in der Publikation «BIM Roadmap - 3. Schweizer BIM Kongress» von Bauen digital Schweiz erschienen.

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