Digitale Stadt- und Gebäudeplanung

Digitale Stadt- und Gebäudeplanung

Katharina Wyss | 21. Feb 2020 | Digitalisierung

Das Schweizer Stimmvolk hat sich im Jahre 2013 für die Revision des Raumplanungsgesetzes ausgesprochen, das einen besseren Schutz des Schweizer Kulturlands vorsieht. Anstatt Landwirtschaftsland zu Bauland umzuzonen, sollen die Gemeinden sich in ihrer Baustruktur von innen entwickeln. Gleichzeitig geht das Bundesamt für Statistik in den Szenarien der Bevölkerungsentwicklung davon aus, dass in der Schweiz im Jahre 2045 ungefähr 10 Millionen Menschen leben werden, also, gut 1,5 Millionen mehr als heute.

Katharina Wyss sprach mit dem Urbanisten Roman Seiler über den neuen Spielraum, den digitale Planungswerkzeuge in der Raumplanung aufzeigen können.



Urbanist Roman Seiler








Roman Seiler ist Urbanist und spezialisiert auf Aufgaben zwischen konkretem Städtebau und strategischer Stadtplanung. Sein Büro Seiler & Seiler hat langjährige Erfahrung in der Entwicklung und dem Einsatz von digitalen Werkzeugen in der Raum- und Stadtplanung.


Welche Herausforderungen ergeben sich durch das geltende Raumplanungsgesetz? Wie können in der Schweiz mehr Menschen gut miteinander leben?
Die räumliche Entwicklung orientiert sich stark an den Veränderungen im weitgehend bebauten Raum. Wenn wir diese Landschaft erhalten wollen, die ein wichtiger Teil unserer lokalen Identität ausmacht, müssen wir uns auf einen schonenden Umgang mit Boden fokussieren.

Es geht aber nicht nur darum, Spielraum für die zukünftige Entwicklung zu schaffen, indem wir die Anzahl Arbeitsplätze und Einwohner pro Quadratmeter Boden erhöhen, sondern eben auch um qualitative Aspekte. Dichtere Siedlungsstrukturen benötigen komplett andere Aussenräume als ein Einfamilienhausquartier. Ganz nebenbei können wir mit der Innenentwicklung Siedlungen effizienter mit dem öffentlichen Verkehr oder anderen Versorgungsinfrastrukturen erschliessen.

«Die digitalen Möglichkeiten in der Raumplanung sind nicht Zukunft, sondern werden bereits erfolgreich eingesetzt.»

Ich gehe davon aus, dass die Raumplanung mit diesen Spielräumen zukünftig viel systematischer umgehen muss. Bisher wurden die Potenziale hauptsächlich von Auge abgeschätzt oder sie waren uns aufgrund von Eigentümerinitiativen bekannt. Hier muss die Raumplanung eine aktivere Rolle spielen, effizienter werden. Unsere vorhandenen Siedlungsstrukturen können dadurch an Qualität gewinnen.


IRAP-Kompass zur Innenentwicklung von Städten
Lage und Eigentum gehören zu den acht Schlüsselfaktoren der Innenentwicklung (Quelle: IRAP Kompass Innenentwicklung)


An welchen Faktoren kann man den Erfolg einer Verdichtung messen?
In der Innenentwicklung wird der Erfolg nicht ausschliesslich über eine Erhöhung der Arbeitsplätze und Einwohner pro Quadratmeter Boden definiert, sondern eben auch darüber, ob Voraussetzungen für eine hohe Lebensqualität entstehen. Dabei spielt der öffentliche Raum eine zentrale Rolle.

Ein wichtiger Erfolgsfaktor für Innenentwicklung ist eine sehr gute Lage, und die Erreichbarkeit eines Ortes. Aktuell erleben wir gerade einen Hochhausboom in der Schweiz. Hochhäuser sind ein Musterbeispiel für die Innenentwicklung. Sie entstehen vor allem an Orten mit sehr guter Erreichbarkeit. Ein Beispiel dafür ist Zürich-Altstetten, das die mögliche Entwicklung eines ehemaligen Aussenquartiers einer Stadt illustriert. Das Institut für Raumentwicklung IRAP der Hochschule Rapperswil hat neben der Lage weitere sieben Schlüsselfaktoren der Innenentwicklung untersucht und in einem «Kompass Innenentwicklung» festgehalten. Eine wichtige Voraussetzung für eine erfolgreiche Innenentwicklung sind sicher engagierte Grundeigentümer.


Ausbaugrad einer W3-Zone
Bisher wurden Innenentwicklungspotenziale für einzelne Grundstücke untersucht. Mit digitaler Technologie sind erstmals grossflächige Untersuchungen möglich. Beispiel: Ausbaugrad der Zone W3 einer mittelgrossen Stadt. Grafik: Seiler & Seiler


Woran scheitert die Innenentwicklung von Gemeinden?
Die betroffenen Akteure müssen so früh wie möglich einbezogen werden. Kann eine Innenentwicklung überhaupt zum Erfolg führen? Dabei spielt neben der Gemeinde der Eigentümer eine wichtige Rolle. Hier ist die Motivation für Innenentwicklung unterschiedlich. Es gibt eine grosse Bandbreite zwischen dem institutionellen Eigentümer mit einem Geschäftsmodell (z.B. Hochhaus) und dem privaten Eigentümer mit einer emotionalen Bindung zum Ort (z.B. Einfamilienhaus). In der Raumplanung sind wir den Umgang mit institutionellen Eigentümern aus der Arealentwicklung gewohnt. In der Realität haben wir es aber weitgehend mit Einfamilienhauseigentümern zu tun. Hier wird aktuell an Methoden zur Innenentwicklung geforscht.


Visualisierung von Abstandsvorschriften
Das digitale Werkzeug übersetzt Bauvorschriften (Abstandvorschriften und Dichte) und macht das Ausloten von Bebauungsmöglichkeiten effizient. Grafik: Seiler & Seiler


Was für neue Möglichkeiten der Raumordnung ergeben sich aus der fortschreitenden Digitalisierung?
Viele Möglichkeiten, die sich durch die Digitalisierung generell ergeben haben, können auch in der Raumplanung genutzt werden. Viele Daten sind heute einfach verfügbar, bei einigen Planungsschritten hilft die Automatisierung durch computergestützte Technologien oder ein «Digital Twin» des Projekts.

So können Daten und Automatisierung für die systematische Untersuchung von Innenentwicklungspotenzialen genutzt werden. Oder wir kommunizieren anhand eines «Digital Twins» mögliche Zukunftsbilder für ein Quartier. Wichtig ist allerdings, dass wir diese Methoden in etablierte Planungsprozesse einbinden. Dabei ist die soziale Dimension des Entwerfens ganz zentral. Alle Akteure haben unterschiedliche Bedürfnisse, die wir unbedingt miteinander verbinden müssen, damit Innenentwicklung überhaupt stattfinden kann.

Diese digitalen Möglichkeiten sind nicht Zukunft, sondern werden in der Raumplanung vereinzelt bereits erfolgreich eingesetzt. Gerade in der Innenentwicklung werden Gemeinden und Städte darauf angewiesen sein, digitale und analoge Prozesse gut zu kombinieren, um effizient gewünschte Kapazitäten für das Bevölkerungs- und Arbeitsplatzwachstum zu schaffen.


Potenziale der Innenentwicklung von Städten
Sind die Innenentwicklungspotenziale aktivierbar? Dazu sind frühe Gespräche mit den Eigentümern zu führen. Grafik: Seiler & Seiler


Welche Hilfsmittel wenden Sie für Ihre raumplanerische Praxis an?
Seiler & Seiler entwicklt seit einigen Jahren digitale Werkzeuge: Beispielsweise können diese Potenziale für die Innenentwicklung automatisiert dargestellt werden oder Bau- und Zonenvorschriften mit komplexen Abstandsvorschriften in den Entwurf integriert werden.

Noch werden die Bebauungsmöglichkeiten von Parzellen höchstens in besonderen Einzelfällen genauer untersucht. Neu geben uns die digitalen Werkzeuge die Möglichkeit, Potenziale der inneren Entwicklung grossflächiger und systematischer zu untersuchen.

Diese digitalen Werkzeuge kamen beziehungsweise kommen in verschiedensten Projekten zur Anwendung, zum Beispiel in der Kommunikation von Zukunftsbildern (kantonaler Entwicklungsschwerpunkt Arth-Goldau) oder aktuell bei der Revision einer Bau- und Zonenordnung einer grösseren Stadt im Grossraum Zürich.

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