Dachaufstockung in Basel

Dachaufstockung in Basel

Sibylle Hahner | 20. Februar 2019 | Szene

Basel-Stadt, der kleinste und am dichtesten besiedelte Kanton der Schweiz, fördert selbst auf der Kleinbasler Rheinseite eine Nachverdichtung: Ein gutes Beispiel dafür ist die Dachaufstockung in unmittelbarer Nähe zur Messe Basel.

Die Brandwand wird als «off-site venue» des Zürcher Galeristen Beat Raeber jährlich mit einem neuen Bildobjekt bespielt. Hier hängt «Abstrakt getarnte Bürgerlichkeit» des deutschen Künstlers Jan Paul Evers. Foto: Weisswert Fotografie


Letztes Jahr konnte ein fast hundertjähriges Mehrfamilienhaus im Kleinbasler Quartier Clara in die Höhe wachsen. Dank einer neuen Gesetzgebung ist seit dem Jahre 2017 ein zweigeschossiger Dachausbau zulässig. Das junge Basler Architekturbüro Studio Lukas Raeber hat zwei komfortable Maisonnette-Wohnungen trotz einer statischen Herausforderung in den Dachbereich einfügen können.

Aufmerksam wird man auf das Mehrfamilienhaus, sobald man an seiner Brandwand ein Kunstwerk hängen sieht, das uns einen Ausschnitt Architektur zeigt, abstrahiert in fotografischem Schwarzweiss. Man könnte meinen, das Kunstwerk hätte sich klammheimlich aus der benachbarten Art Basel weggestohlen und wäre hier hängengeblieben.

Auf den zweiten Blick fällt das schlichte Weiss der Fassade mit gleichfarbigen Fensterläden auf. Sie kündigen bereits die architektonischen Ambitionen, die Lukas Raeber mit der Sanierung des 1925 gebauten mehrgeschossigen Stadthauses Mehrfamilienhaus verfolgte, an. Der von aussen nahezu verborgene Dachausbau schuf Platz für zwei neue, spiegelsymmetrisch angelegte Maisonette-Wohnungen.

Neuer Dachstuhl
Das zugrunde liegende Konstruktionsprinzip des Dachausbaus sind zwei Firstpfetten, die zwischen den beiden abschliessenden Brandwänden des Gebäudes gespannt sind. An ihnen hängt die gesamte Dachkonstruktion – Wände und Geschossdecken mit eingeschlossen – aus vorfabrizierten Holzbauelementen. Dank der frei gespannten Konstruktion konnte ein durchgehender Wohnraum entstehen, der zu beiden Seiten grosszügig mit Fensterfronten geöffnet ist.

Im Inneren bildet der Treppenlauf ins oberste Geschoss entlang der statischen Achse das Rückgrat der Wohnungen. Er dient als zentrales Erschliessungselement, das die offenen Räume im unteren Geschoss mit den kammerartigen Räumen des oberen Geschosses verbindet. Die Oberlichter über der Treppe, eingefügt zwischen den beiden Firstpfetten, fangen das Himmelslicht und lassen es durch den zweigeschossigen Treppenschacht fallen.

Architekt Lukas Raeber entschied sich für einheimisches Nadelholz im Bereich der Dachkonstruktion sowie für massives Eichenholz für das Industrieparkett und die Treppenstufen. Einzige Ausnahme ist das hochwertige, tropische Ipé-Holz für die grossen Terrassenflächen.

Die Konstruktion bestimmte die verschiedenartigen räumlichen Qualitäten der beiden Wohnungen. Eher introvertiert sind die beiden oberen Schlafräume, gen Himmel orientieren sie sich mit grossen Dach- flächenfenstern. Die unteren Wohnräume hingegen öffnen sich mit grosszügigen Fensterfronten und Terrassen zur Hof- und Strassenseite.

   
Raumfolge
Man erreicht den neuen Dachausbau nach einem Aufstieg in den 5. Stock durch das innenliegende, ursprüngliche Treppenhaus. Belohnt wird man mit einem ersten Ausblick auf das benachbarte Messegebäude von Herzog & de Meuron. Beim Eintritt in die Wohnung fällt als erstes das ausgetüftelte, freistehende Cheminée aus schwarzem Stahl auf. Es zentriert das Wohnzimmer und unterstreicht dessen wohnliche Qualität.

Die Gitterroste, welche die grossen Dachterrassen auf die nordwestliche Hofseite und der südöstlichen Strassenseite begrenzen, finden sich auch als Geländer für die interne, einläufige Treppe, die den Grundriss fast symmetrisch teilt. Die Treppenbrüstung, ausformuliert als gezackte Wand, lässt definitiv die Postmoderne anklingen. Das entlang der Brandmauer gestreckte Badezimmer im Obergeschoss ist von beiden Zimmern zugänglich und Richtung Himmelslicht geöffnet. Sein wolkig-weisses Glasmosaik unterstreicht die Luftigkeit des Ortes.

Architektursprache
Den Anspruch des jungen Architekten Lukas Raeber, seine Projekte strukturell und materiell zusammenzuführen, um Räume mit grosser Wohnqualität zu schaffen, hat er erneut eingelöst. Seinen beziehungsreichen Umgang mit Raumstrukturen und Materialverschränkungen hat Lukas Raeber (Jahrgang 1984) zusammen mit Patrick Reuter bereits mit einem Einfamilienhaus in Riehen unter Beweis gestellt.

In Basel hat Lukas Raeber schon mehrfach Dachausbauten mit grosser Raffinesse realisiert, auch an der Drahtzugstrasse fehlt es nicht an ausgefeilten Details. Dies zeigt sich beim Verlassen des Hauses erneut durch das hoch oben hängende Werk «Abstrakt getarnte Bürgerlichkeit» des deutschen Künstlers Jan Paul Evers. Die Brandwand wird als «off-site venue» des Zürcher Galeristen Beat Raeber jährlich mit einem neuen Bildobjekt bespielt.

StandortDrahtzugstrasse 67, 4057 Basel
Bauherrschaftprivat
ArchitekturStudio Lukas Raeber
RealisierungApril 2018
HolzbauStamm Bau AG, Arlesheim
SpenglerarbeitenJäggi Vollmer GmbH
FensterbauHunziker Schreinerei AG


Der Artikel erschien erstmalig im Magazin der Schweizer Baudokumentation, Ausgabe #1, 2019.

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