Bodenbeläge und ihre Codierungen

Bodenbeläge und ihre Codierungen

Robert Mehl | 30. Januar 2019 | Agenda

Auf dem Bodenforum an der Suisse Floor stellt Professor Markus Schlegel seine aktuellen Forschungen zum Fussboden der Zukunft vor. Wir haben ihn dazu befragt.

Herr Professor Schlegel, wie gehe ich die Kategorisierung von Fussboden in einer Studie grundsätzlich an?
Es gibt unterschiedliche Betrachtungsmöglichkeiten. Entweder gehe ich über die Raumfunktion, ich frage mich, welchen Raumtyp gilt es zu betrachten: Einen öffentlichen oder halböffentlichen Bereich, ein Büro, ein Flur oder eine Wohnung? Eine zweite Möglichkeit wäre die Einordnung nach dem Oberflächenmaterial, also etwa Holz, Teppichboden, flexible Bodenbeläge, Zementestrich oder Fliesen. Desweiteren spielt natürlich die Raumdimension, also etwa ein kleines Zimmer oder eine grosse Halle eine entscheidende Rolle. Funktion und Materialwahl des Bodens sind in Abhängigkeit zu sehen, denn es gibt Ausschlussmöglichkeiten, etwa ein öffentlicher Flur mit Teppichboden. Schlussendlich haben wir dazu noch die gesetzlichen Vorschriften zu beachten. Im Gesundheitswesen gelten Hygienevorschriften, die nur mit bestimmten Oberflächen erreichbar sind.

Bei der Auswahl des richtigen Bodenbelags spielen Funktion und Dimension des Raumes zentrale Rollen.


Sie sprechen oft von Codierungen. Was ist das für Sie?
Alles was wir sehen, sind Zeichen und Bedeutungscodes, gestalterische Prägungen, die ich als Codes beschreiben kann. In unserer Zeit gelten kaum noch Regeln für spezifische gestalterische oder stilistische Codierungen. Auch ein kontextfreier Rückschluss vom Oberflächenmaterial auf seine Nutzung ist kaum noch möglich. In der Gestaltung geht es heute meist darum, was ich für eine Aussage treffen will. Wir leben in einem Zeitalter der Retrokultur und des Stilmix. Will ich etwa ein Büro im Industrial-Look, dann ist ein roher Zementestrich in Ordnung, darauf darf auch ein Perserteppich liegen. Mit dieser Materialwahl und Kombination transportiere ich eine Botschaft.
Codierungen beschreiben gestalterische Phänomene und damit auch jede Oberflächengestaltung: Das spezifische Raster, das Muster und die Haptik erzählen eine Geschichte und treffen eine Raumaussage. Wir leben in einer sich verändernden Welt. Auch für den Boden gilt, dass es die eine ewige und zeitlose Aussage zur Gestaltung nicht mehr gibt. Der Boden soll vielmehr wandlungsfähig und multifunktional sein.
Ein weiterer aktueller Aspekt von Gestaltung ist das Thema Tradition, das Zitieren von Bestehendem bei gleichzeitiger Integration von Neuem. Wichtig dabei ist, an Sehgewohnheiten anzuknüpfen, damit Neues angenommen wird. Die Einführung des Smart-Phones ist hierfür ein Beispiel. Als es ganz neu war, hat man damit zunächst hauptsächlich telefoniert, die innovative Internetfunktionen war ein «nice to have». Die Menschen nehmen das Produkt zunächst über Gewohnheiten an und entdecken erst dann neue Zukunftsoptionen.

Die Farb- und Materialcollage zeigt aktuelle Tendenzen.


Sie verwenden öfter den Begriff «personalisierter Fussboden», was meinen Sie damit?
Personalisiert steht für individualisiert. Hier spielen unter anderem digitale Themen stark hinein. Vom digitalen Fertigungsprozess bis zur digitalen Oberfläche. Vorstellbar wäre etwa ein selbstleuchtender Belag, der situativ eine andere Färbung oder Ornamentik annimmt. So könnte zum Beispiel in einer offenen Bürolandschaft der Arbeitnehmer selber festlegen, auf welcher Bodenfarbe er arbeiten will – ähnlich dem Desktopbild eines Rechners.

Der Fussboden wird dann quasi zu einem Bildschirm?
In die Richtung könnte es gehen, wobei man sich fragen muss, ob ein «Bildschirm-Boden» immer glatt, glasig und hart sein muss. Er könnte ja auch aus Mikrofasern bestehen und einen textilen und weichen Charakter haben. Wenn abends Gäste kommen, stellt man ein edles Brokatdekor ein, und morgens wird er für die Kids wieder zu einem Spielzimmerfussboden mit Rennbahn. Multifunktion ist das Stichwort zum Boden der Zukunft: Der Fussboden könnte auch ein Möbel sein und andere Teile in sich integrieren: Schränke als ausfahrbare Bodentanks, angeformte Sitzecken oder ein Bodenbelag, der auf einer Wand weitergeführt wird.

In Worklabs schult Markus Schlegel die Besucher in der Wahl und Gestaltung von Bodenbelägen.


Sie verweisen darauf, dass vergangene Strömungen oft «Potenzial zu Neuem» besitzen. Können Sie hierfür Beispiele nennen?
Wichtig ist unser methodischer Ansatz «Zukunft braucht Herkunft». Die aus der Vergangenheit überlieferten Muster, Strukturen oder früher verwendeten Werkstoffe sollten unbedingt, bevor sie zitiert oder modifiziert wieder eingesetzt werden, auf ihre aktuelle gestalterische und werkstoffbasierte Akzeptanz geprüft werden.
Ein tolles Beispiel ist der Lehmfussboden, den wir zunächst mit Hütten in Entwicklungsländern oder alten Weinkellern in Europa verbinden. Lehmbau oder Lehmböden sind bei uns leider vollkommen in Vergessenheit geraten. Lehm ist aber ein sehr nachhaltiger und gesunder Baustoff, der ein Raumklima positiv beeinflusst. Lehmböden sind hart, robust und pflegeleicht, können leicht ausgebessert oder einfach erneuert werden. Tradierte Werkstoffe auf Zukunft einzustellen, birgt hohes Potenzial für Produktentwicklungen. Dann wäre auch ein Lehmboden in ganz vielschichtigen Anwendungsbereichen vorstellbar.

Denken Sie an eine Neubauwohnung, wo anstatt eines Zementestrichs und eines Holzparketts ein Lehmfussboden auf die Ortbetondecke aufgebracht wird?
Warum nicht?!


Herr Schlegel, wir danken für das Gespräch!




Seit 2002 ist Markus Schlegel ordentlicher Professor für Farb- und Architekturdesign an der Hochschule für angewandte Wissenschaften und Kunst in Hildesheim. 2004 Gründung Institute international Trendscouting an der HAWK mit Schwerpunkt Zukunftsforschung in der Gestaltung.

Er wird am Bodenforum der Suisse Floor über Floorcodes und ihre Auswirkung auf den Boden der Zukunft referieren.

Suisse Floor, 3. bis 5. April 2019, Messe Luzern

Hier geht’s zum Programm des Bodenforums.


Aktuellste Artikel

21. August 2019 | Agenda

Buchvernissage: Architekturgeschichte Graubün...

Das Bündner Kunstmuseum Chur lädt ein zur Vernissage des Buc...

Buchvernissage: Architekturgeschichte Graubün...

20. August 2019 | Branchennews

Eine neue Stil-Ikone

Bike Personal ist das neueste Produkt aus der Personal-Linie...

Eine neue Stil-Ikone

20. August 2019 | Branchennews

Ästhetischer Brandschutz

Die flächenbündige Promat-Glastüre mit Edelstahlrahmen erfül...

Ästhetischer Brandschutz

20. August 2019 | Branchennews

BSS Akustik-Schallschutzstopfen

Verschlussstopfen gewährleistet sicheren Verschluss von Dist...

BSS Akustik-Schallschutzstopfen
Copyright © 2001-2019 Docu Media Schweiz GmbH

Bodenbeläge und ihre Codierungen