«BIM einzuführen ist ein kontinuierlicher Prozess»

«BIM einzuführen ist ein kontinuierlicher Prozess»

Katharina Weber | 2. September 2019 | Digitalisierung

Philippe Willareth leitet den Bereich Fassaden- und Leichtbau des Ingenieurbüros Dr. Lüchinger+Meyer Bauingenieure AG in Zürich. Bereits bei mehreren Bauprojekten wendete das Büro die Planungsmethode Building Information Modelling (BIM) an. Drei dieser Projekte wurden mit dem Arc-Award BIM ausgezeichnet. Grund genug, ihn zu fragen, wie und warum er BIM im Büro etabliert hat.


Skifahren auf dem Dach einer Kehrichtverbrennungsanlage: Diese originelle Idee setzte die Bjarke Ingels Group (BIG) in Kopenhagen um. Ingenieurbüro Dr. Lüchinger+Meyer übernahm die Fassadenplanung, indem es ein Fassadenmodell in Revit erstellte und damit assoziierte Konstruktionsschnitte verknüpfte. Foto: Julien Lanoo



Warum wurde BIM in Ihrem Büro eingeführt?
Einerseits bestand schon immer ein grosses persönliches Interesse der Mitarbeitenden an den Entwicklungen der Digitalisierung. In unserem Büro suchen wir kontinuierlich nach Nischen und Innovationen. Andererseits war es eine strategische Entscheidung. Wir haben uns die Frage gestellt, wie wir uns zukünftig am Markt positionieren wollen, und entschieden, BIM einzuführen.

Zum Glück konnten wir in das Thema sanft einsteigen, da wir neben unseren Schweizer Standorten noch ein Büro in Dänemark haben. Dort ist BIM seit Jahren quasi selbstverständlich. Als Fassadenplaner sind wir in die ersten Projekte hineingerutscht, ohne wirklich zu bemerken, dass es sich um BIM-Projekte handelt. Wir haben unsere Fassaden in die 3D-Gebäudemodelle integriert und konnten Informationen herausziehen. Durch diese positive Erfahrung waren wir sehr motiviert, das Thema BIM auszubauen.


Wie ist die Einführung von BIM vonstatten gegangen?
BIM einzuführen ist ein kontinuierlicher Prozess, der immer noch anhält.

Den Grundstein hatten wir bereits Jahre vor dem Aufkommen des Themas BIM mit dem Entscheid gelegt, beispielsweise in der Tragwerksplanung konsequent in 3D zu zeichnen. Damals benötigte die Umschulung auf 3D eine systematische Weiterbildung. Doch die lohnte sich, denn es erwies sich rasch als vorteilhaft, wenn die Schalungs- oder Bewehrungspläne dreidimensional organisiert sind. Mit dieser Ausgangslage was es für uns recht einfach, mit BIM zu starten.

Ergänzend haben wir einen Schlüsselmitarbeiter beim MAS Digitales Bauen an der FHNW gezielt ausgebildet. Mit punktuellen Weiterbildungen unterstützen wir unsere Mitarbeiter bei der Umstellung der Planungsmethodik und der konkreten BIM-Anwendung.


«Im Moment wird oftmals noch doppelt geplant: man modelliert zwar in BIM, erstellt aber parallel dazu konventionelle Pläne.»




Was raten Sie anderen Büros, die BIM bei sich einführen wollen?
Das Wichtigste ist, keine Berührungsängste zu haben. Learning by doing. Man kann die BIM-Projekte akquirieren und bei der Bearbeitung mit Engagement und Interesse an der Planungsmethode BIM die Kompetenz laufend erweitern. Normalerweise sind die BIM-Projekte gut organisiert, und der BIM-Koordinator, respektive das Team, unterstützen den Prozess. Man muss den Sprung wagen.

Die Strategie, dass man zwei Jahre lang eine Weiterbildung besucht, alles zu dem Thema liest, die richtige Software kauft und danach in die BIM-Methode startet, erachte ich als weniger praktikabel.

Im Fassadenverband SZFF arbeiten wir zusammen mit Bauen digital Schweiz und weiteren Verbänden daran, die Planer rund um die Gebäudehülle an BIM heranzuführen. Interessant ist, wie unterschiedlich der Stand der verschiedenen Büros ist. Die meisten springen einfach ins kalte Wasser, und in der Regel klappt es dann auch.


Hand aufs Herz. Arbeitet es sich mit BIM wirklich viel besser als auf herkömmliche Art?
Viel besser? (lacht) Ich glaube, es arbeitet sich anders. Im Moment ist BIM noch mit relativ hohem Aufwand verbunden, und der Mehrwert ist nicht immer klar erkennbar. Leistungen werden im Projektverlauf zeitlich nach vorne verschoben, da früher detaillierter gearbeitet werden muss. Das spiegelt sich aber noch nicht selbstverständlich in der Honorarverteilung wider, hier muss jeweils explizit verhandelt werden.

Im Moment wird oftmals noch doppelt geplant: man modelliert zwar in BIM, aber erstellt parallel dazu konventionelle Pläne und Auszüge. Aber ich denke, in ein paar Jahren wird auch auf der Baustelle überwiegend digital gearbeitet, so dass die Anzahl konventioneller Pläne stark zurückgehen wird.

BIM entfaltet für die Planer erst dann substantielle Vorzüge, wenn die Projekte so weit entwickelt werden, dass zum Beispiel Massenauszüge und Ausschreibungen direkt aus dem Modell generiert oder auf der Baustelle keine ausgedruckten 2D-Pläne benötigt werden und somit Arbeitsschritte entfallen.

Vielfach ist die 3D-Planung sinnvoll, aber in der Fassadenplanung ist es nicht zielführend, beispielsweise Dichtungsprofile in Systemfenstern zu modellieren. Da ist ein 2D-Schnitt, der mit dem BIM-Modell verknüpft ist, nützlicher. Pragmatismus ist wichtig!


Beim Neubau des Universitätsspitals Basel (Giuliani Hönger Architekten) projektierte Dr. Lüchinger+Meyer die Betonelemente der Fassade mit der BIM-Software Tekla. Visualisierung: Nightnurse Images



Wie läuft die Zusammenarbeit mit den anderen Disziplinen, insbesondere mit den Architekturbüros, via BIM?
Für uns hat sich die Zusammenarbeit dank BIM vereinfacht. Die BIM-Projekte sind in der Regel früh und gut strukturiert. Geändert wird in den späteren Phasen tendenziell weniger.

Als Fassadenplaner agieren wir an den Schnittstellen verschiedener Fachdisziplinen wie Architektur, HLK, Bauphysik oder Tragwerksplanung. Der Informationsaustausch ist folglich besonders wichtig. Die Qualität der Modelle, die wir erhalten und weiterbearbeiten, variiert enorm. Gute Basis-, respektive Initialmodelle, sind für uns ungemein hilfreich. Bei einer hochwertigen Modellierung können wir sowohl die Geometrie wie auch die Information der Bauteile übernehmen und weiterbearbeiten. Dies gelingt oft bereits sehr gut.


Sie sind Mitglied bei der Organisation Bauen digital Schweiz. Welche Vorteile ergeben sich daraus für Sie?
Erstens ist Bauen digital eine ideale Plattform für den Austausch über die Entwicklung der Digitalisierung in der Baubranche, zweitens definiert sie die «Best Practice» in der Schweiz und bietet viele gute Publikationen, auf die wir gerne zurückgreifen. Wie zum Beispiel die Definitionen zu den «Levels of Geometry» (LOGs), bei denen auch grafisch gut dargestellt wird, was man zu welchem Zeitpunkt erwarten darf. Das hilft uns beim Dialog mit unseren Partnern.

Des Weiteren schätzen wir die Zusammenarbeit: Zum Beispiel beim «Use Case Management» der Gebäudehülle. In Zusammenarbeit mit dem Fassadenverband SZFF und weiteren Verbänden definieren wir die «Best Practice» in der Gebäudehülle und strukturieren die Abläufe durchgängig.


Ist BIM speziell für den Fassadenbau wichtig?
Ja. Denn der Fassadenbau ist eine Fachrichtung, die sich nicht eindeutig einer Disziplin zuordnen lässt. Einerseits ist er eng mit der Gestaltung verbunden, andererseits gibt es Schnittstellen mit der Bauphysik, der HLK, den Energienachweisen und der Tragwerksplanung. Da hilft BIM natürlich enorm, indem koordiniert Informationen kontrolliert und ausgetauscht werden.


Stossen Sie auf viele Schweizer Bauherren, die BIM fordern?
Die Tendenz ist ganz klar steigend. Im Jahr 2013 haben wir einer namhaften Bauherrschaft vorgeschlagen, ein sehr repetitives Projekt in BIM abzuwickeln. Damals konnte unser Partner BIM nicht einordnen, heute ist derselbe Partner im Lead und setzt diese Planungsmethode voraus.


Welche Entwicklungen im Bereich Digitalisierung sehen Sie, die über BIM hinausgehen?
Die Fertigungstechnik ist neben der Logistik und Bewirtschaftung sicherlich ein sehr wichtiger Bereich, welcher sich mit der Digitalisierung verändert. Heute können wir uns den Einsatz der Robotik nur teilweise vorstellen. Allerdings kann man heute bereits Stahl, Beton und Glas drucken. Mit der Digitalisierung werden der Zugriff und die Bauanwendung dieser neuen Techniken und Verfahren direkter und einfacher einsetzbar.


Philippe Willareth
Philippe Willareth ist seit zehn Jahren Projektleiter bei der Dr. Lüchinger+Meyer Bauingenieure AG in Zürich und verantwortet als Mitglied der Geschäftsleitung den Bereich Fassaden- und Leichtbau. Seit drei Jahren ist der diplomierte Fassadeningenieur Vorstandsmitglied von Bauen digital Schweiz und fördert die fortschreitende Digitalisierung der Branche.


Dieser Artikel ist erstmalig im Magazin der Schweizer Baudokumentation 05/19 erschienen.
Hier können Sie die Ausgabe bestellen.


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