Baukeramik: Tradition und Moderne

Baukeramik: Tradition und Moderne

Katharina Wyss | 13. Dez 2019 | Szene

Der Baukeramik-Hersteller Ganz Baukeramik AG betreibt, neben der industriellen seriellen Plattenbelagproduktion, auch eine Manufaktur-Abteilung. Hier werden alte Plattenbeläge reproduziert, oder Spezialanfertigungen erschaffen. Mit dem Werkstattleiter, dem Keramiker Lucian Kainz, sprechen wir über die Faszination eines der ältesten Kunstgewerbe der Menschheitsgeschichte.

Fotos: Ganz Baukeramik AG


Lucian Kainz, Ganz Baukeramik
Lucian Kainz ist Entwicklungsleiter bei Ganz Baukeramik AG in Embrach. Bereits seine Eltern waren Keramiker, er verbrachte praktisch seine Kindheit in der Keramikwerkstatt. Das alte Handwerk fesselt den gelernten Keramikmeister nach wie vor. In seiner Zweitausbildung zum Ofenbauer lernte er unter anderem, Keramik zu verbauen.


Herr Kainz, was motiviert Sie nach all diesen Jahren in Ihrem Beruf?
Die Arbeit mit den vier Elementen Feuer, Erde, Wasser und Luft fasziniert mich und zieht sich wie ein roter Faden durch mein Leben. Abends sind meine Hände von der Glasur ausgetrocknet oder weisen Brandblasen auf, weil ich nicht lange genug warten konnte, ein Werkstück aus dem noch heissen Ofen zu nehmen. Ich mag es, am eigenen Leib zu erfahren, wie etwas Sichtbares entsteht, das ich berühren kann und das mich berührt.

Wie hat sich die Baukeramik-Produktion im Laufe der Zeit verändert?
Der Produktionszyklus ist viel schnelllebiger geworden. Zudem haben die neuen Medien viel verändert. Die Kunden sind gut informiert und wissen, was sie wollen. In der Herstellung sind neue Technologien dazugekommen. So arbeiten wir in unserer Manufaktur in der traditionellen Handformtechnik wie vor 200 Jahren, aber auch mit modernsten Giessverfahren. Wir bewegen uns zwischen Tradition und Moderne, was die Arbeit umso spannender macht.

Schloss Arbon, Ganz Baukeramik
Die Fliesen vom Schloss Arbon im Landesmuseum Zürich wurden in einem ähnlichen Verfahren wie damals reproduziert. Diese mussten jedoch die heutigen Anforderungen an Rutschfestigkeit und Reinigung eines Museumsbetriebes erfüllen.


Wie muss man sich die Arbeit in der Werkstatt vorstellen?
Das Wissen und die Herstellungstechniken wurden in der Werkstatt unserer Firma von Generation zu Generation gepflegt und weitergegeben. Modellieren, pressen, formen, giessen, trocknen, brennen, glasieren und nochmals brennen – das sind die Herstellungsschritte. Bevor ein Produkt unser Haus verlässt, geht es durch viele Hände: Es wird bearbeitet, geprüft und für gut befunden. Diese Handschrift zeichnet unsere Produkte aus, und darauf sind wir auch ein wenig stolz (schmunzelt). Unsere Reproduktionen von Baukeramik sehen nicht nur so aus wie vor 200 Jahren, sie werden im Wesentlichen auch mit den gleichen Techniken hergestellt.

Für die Herstellung von Keramik braucht es gut ausgebildete Fachleute, die eine hohe Qualität produzieren können. Um dies sicherstellen zu können, bietet die Ganz Baukeramik AG als einziger Betrieb in der Schweiz die Lehre des Industriekeramikers an. Wir erachten es als unsere Aufgabe, jungen Menschen eine Perspektive zu geben und den Einstieg in die Berufswelt zu ermöglichen.

Kirche Schlatt, Ganz Baukeramik
In der reformierten Kirche Schlatt in Winterthur wurde das Ornament vom Bodenbelag anhand der vorhandenen Originale vor Ort abgenommen.


Welche Produkte werden nach wie vor in der Manufaktur hergestellt?
Neben den Ofenkacheln für Kachelöfen produzieren wir selber Keramik, Feuerräume und Speichermassen für unsere Ganz Cheminéeöfen − besser bekannt als Schwedenöfen. Die Nachfrage im Bereich Baukeramik ist vielschichtig. Von Reproduktionen für kulturell wertvolle Gebäude bis hin zu Neuentwicklungen für aktuelle Architektur.

100-prozentige Handarbeit assoziiert man mit einem hohen Preis. Ist das noch leistbar?
Im Gegensatz zu industriell gefertigter Keramik – von der wir übrigens auch ein umfassendes Sortiment im Angebot haben – hat die Manufakturkeramik ein anderes Preisgefüge. Verglichen mit einem Mittelklassewagen, der vielleicht 10 Jahre hält, relativiert sich die Investition in Keramik, welche über mehrere Jahrzehnte bestehen kann.

Kirchgemeindezentrum, Ganz Baukeramik
Die Bauherrschaft hat die Nachfertigung des Klinkerbodens für das evangelische Kirchgemeindezentrum Luzern persönlich überwacht.


In der Bauwirtschaft wird die Kreislaufwirtschaft immer mehr angestrebt. Wie können Plattenbeläge als Sekundär-Rohstoffe wieder als Baumaterial genutzt werden?
Das Wort Keramik stammt aus dem altgriechischen «Keramos» und ist der Oberbegriff für Baumaterialien, die aus Rohstoffen wie Ton, Kaolin, Quarz und Feldspat hergestellt werden. Die Herstellung aus diesen natürlichen Materialien, die lange Lebensdauer und die problemlose Wiederverwertbarkeit als Sekundär-Baustoff machen Keramik zum Inbegriff von nachhaltigen Baustoffen.

Durch die Langlebigkeit von Keramik gibt es sehr viele Bauten, in denen die Ornamentik und Farben vergangener Epochen überlebt haben. Wie sehr sind diese Plattenbeläge noch reproduzierbar? Was sollte man beachten, wenn man sie ersetzen möchte?
Es gilt, die Handschrift von damals zu lesen und die entsprechenden Techniken zu kennen und Rohstoffe zu finden. Der Faktor Zeit ist bei der Entwicklung massgebend für ein gutes Resultat. Wir kommen an Grenzen, wenn Rohstoffe oder Brenntechniken verwendet wurden, die heute nicht mehr erhältlich sind oder aus ökologischen Gründen nicht mehr vertretbar sind.

In einer Zeit, in der viele Unternehmen die Produktion ins Ausland verlagern, setzt Ihre Firma auf den Standort Embrach. Was hat die Familie Ganz dazu bewogen, in den Standort Schweiz zu investieren?
Bei der Gründung im Jahr 1805 waren die Tonvorkommen massgebend für die Standortwahl der Ganz Baukeramik AG. Heute sind es die Nähe zum Kunden und die Vision, Baukeramik als eines der ältesten Baumaterialien ins nächste Jahrhundert zu führen. Am Standort Schweiz schätzen wir die stabilen Rahmenbedingungen und die Bildungsmöglichkeiten. Denn Innovation und Fachkompetenz sind die Basis für unsere Arbeit.

Elisabeth Langsch, Ganz Baukeramik
Keramikerin und Bildhauerin Elisabeth Langsch hat den denkmalgeschützten Wandbelag des Kreisgebäudes 10 in Zürich in der gleichen Technik wie damals wieder reproduziert.


Gibt es ein Projekt, an das Sie sich besonders gerne zurückerinnern?
Die Entwicklungsarbeiten für die Rekonstruktionen der vier Bodenbeläge im Landesmuseum Zürich waren sehr aufwendig und haben mehrere Monate in Anspruch genommen. Die Keramik sollte nicht nur aussehen wie damals, sondern auch gleich gefertigt sein und den heutigen Anforderungen an öffentliche Bauten entsprechen.

Gibt es eine persönliche Herausforderung, die Sie gerne in Keramik umsetzen möchten?
Klar! Ich habe Spass an meinem Beruf und bin ein sehr kreativer Mensch. Mir spuken viele Ideen im Kopf herum und ich freue mich auf jede Herausforderung.

Ganz Baukeramik AG

Dorfstrasse 101

8424 Embrach

Schweiz

Tel. 044 866 44 44

Fax 044 866 44 22

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