«Atelier Manini Pietrini» im Jura

«Atelier Manini Pietrini» im Jura

Renzo Stroscio | 27. Juli 2018 | Szene

Vor knapp einem Jahrhundert gründete die Familie Camille Bloch in Courtelary im Berner Jura das Reich der Schokoladenriegel Ragusa und Torino. Dank dem Bau einer neuen, zeitgenössischen Struktur und der Schaffung einer «Piazza», erleben die süssen Spezialitäten heute einen echten Aufschwung.

Die Geschichte dieses traditionsreichen Familienunternehmens reicht bis ins Jahr 1929 zurück, als der Gründer Camille Bloch, der Grossvater des heutigen Geschäftsführers, die Camille Bloch SA in Bern gründete. 1935 übernahm der Chocolatier eine ehemalige Zellstofffabrik in Courtelary, einem Dorf etwa 20 Kilometer von La Chaux-de-Fonds entfernt. Seitdem hat das Unternehmen im Laufe der Jahre mehrere Umbaumassnahmen vorgenommen, indem es auf dem Gelände weitere Gebäude für Büros, Produktion und Lagerung errichtet hat. Die jüngste Erweiterung ist ein echter Fortschritt ins 21. Jahrhundert!

Architektur im Dienste der Schokolade (Bilder: Reto Duriet, Thomas Jantscher)

Architektur im Dienste der Schokolade (Bilder: Reto Duriet, Thomas Jantscher)

Der Neubau zwischen der Kantonsstrasse und den Mäandern der Suze ist ein wahres Aushängeschild für die Landschaft. Der Bauherr vertraute das Projekt den Neuenburger Architekten Manini-Pietrini an, die den Wettbewerb dank ihres kohärenten Ansatzes 2014 gewannen. Der architektonische Bruch, den die Architekten gewählt haben, entsteht dort, wo man ihn auf den ersten Blick nicht erwartet. Die Gebäudeform orientiert sich an der Topographie, der Landschaft und besonders an dem sich schlängelnden Fluss. Diese architektonische Umsetzung findet ihren Ausdruck im Aufeinandertreffen der Elemente. Das Ergebnis gleicht einer mehrschichtigen Anordnung, die einerseits den Kontext und die Unternehmenskultur sowie andererseits die programmatischen Anforderungen im städtebaulichen Massstab berücksichtigt.

Ein dreistöckiges Gebäude
Der Neubau in der kleinen Gemeinde mit weniger als 1400 Einwohnern wurde als multifunktionales Zentrum konzipiert. In kürzester Zeit ist er zu einem Katalysator für den kulturellen und sozialen Dialog geworden. Auf einer Fläche von 15 000 Quadratmetern, die vollständig dem Thema Schokoladenriegel gewidmet ist, soll dieser Ort insbesondere Austausch und Eigeninitiative fördern. Das Gebäude ist eine Art dreistöckige Pyramide, wobei jedes Stockwerk einer bestimmten Funktion zugeordnet ist: die Rezeption und der öffentliche Teil befinden sich im Erdgeschoss, im ersten Stock liegen die Büros und im zweiten Stock ist das Betriebsrestaurant direkt mit den Produktionsbereichen verbunden.

Situation in Courtelary (Pläne: Atelier Manini Pietrini)

Im Inneren der 4500 Quadratmeter grossen Fläche dominieren die gleichen Farben wie diejenigen der Verpackung der Haselnussschokolade. Diese Farbauswahl mit Orange-, Braun- und Goldtönen akzentuiert die Volumen und hebt eine Reihe von Elementen hervor, die ebenfalls vom Architekten entworfen wurden. Durch die Neuinterpretation der DNA des Schokoladenherstellers tauchen die «Ragusa»-Haselnüsse in Form von Lichtbändern auf, während die «Torino»-Linien sich in den hölzernen Schallwänden wiederfinden. Diese allgegenwärtigen «Codes» finden sich sogar im rechteckigen Handlauf, der zwischen den drei Ebenen verläuft.

Ziel des Architekten war es, einen spielerischen Umgang mit den Gegensätzen und Kontrasten der Oberflächen zu erreichen und so eine Einheit zwischen den Volumen zu schaffen. Wie in einem Bewegungsspiel aus skulpturalen Gängen, Erhebungen und «kriechenden» Treppen wird der Besucher zu einem Café, einem Geschäft, den Konferenzräumen, einer Ausstellung und einem Küchenlabor geführt – wobei alle Räumlichkeiten ein Beweis für die Vitalität des Unternehmens sind.

Eine metallische Fassade und eine Piazza
Durch das neue Zentrum ist auch der Ortseingang umgestaltet worden. Im Westen verbindet eine Fussgängerbrücke über der Kantonsstrasse das Gebäude mit dem Produktionszentrum und grenzt so den Platz ab. Wie ein japanisches «Torii» (im Fernen Osten ist es der Eingang eines heiligen Bereiches) führt sie die Mitarbeitenden zu ihrer Arbeitsstätte.

   
  • Die Struktur des Gebäudes ist mit Metall ummantelt. Dieses Kontinuum an Platten passt sich der diskontinuierlichen Form des Gebäudes an. An einem Ende der länglichen Struktur befindet sich eine Aussenterrasse. (Bilder: Reto Duriet, Thomas Jantscher)

    Die Struktur des Gebäudes ist mit Metall ummantelt. Dieses Kontinuum an Platten passt sich der diskontinuierlichen Form des Gebäudes an. An einem Ende der länglichen Struktur befindet sich eine Aussenterrasse. (Bilder: Reto Duriet, Thomas Jantscher)
  • Geprägt wird das Gebäude von der Vielfalt der Volumina. Im Erdgeschoss beispielsweise wird der minimalistische Saal über einen kreisrunden Schacht beleuchtet, der natürliches Licht in den Raum lässt. (Bilder: Reto Duriet, Thomas Jantscher)

    Geprägt wird das Gebäude von der Vielfalt der Volumina. Im Erdgeschoss beispielsweise wird der minimalistische Saal über einen kreisrunden Schacht beleuchtet, der natürliches Licht in den Raum lässt. (Bilder: Reto Duriet, Thomas Jantscher)
  • Auf der ersten Etage wurde jede Tür andersfarbig, in den Farben der Ragusa-Schokolade gestrichen. Durch die Auswahl dieser Orange-, Braun- und Goldtöne werden die einzelnen Volumen betont. (Bilder: Reto Duriet, Thomas Jantscher)

    Auf der ersten Etage wurde jede Tür andersfarbig, in den Farben der Ragusa-Schokolade gestrichen. Durch die Auswahl dieser Orange-, Braun- und Goldtöne werden die einzelnen Volumen betont. (Bilder: Reto Duriet, Thomas Jantscher)
  • Im Café, wo farbigen wie auch schwarze Elemente dominieren, wirken die rechteckigen Elemente wie zufällig an die Decke platziert. (Bilder: Reto Duriet, Thomas Jantscher)

    Im Café, wo farbigen wie auch schwarze Elemente dominieren, wirken die rechteckigen Elemente wie zufällig an die Decke platziert. (Bilder: Reto Duriet, Thomas Jantscher)
  • Grundriss Erdgeschoss (Pläne: Atelier Manini Pietrini )

    Grundriss Erdgeschoss (Pläne: Atelier Manini Pietrini )
  • Grundriss Obergeschoss (Pläne: Atelier Manini Pietrini )

    Grundriss Obergeschoss (Pläne: Atelier Manini Pietrini )
  • Grundriss 2. Obergeschoss (Pläne: Atelier Manini Pietrini )

    Grundriss 2. Obergeschoss (Pläne: Atelier Manini Pietrini )
  • Quer- und Längsschnitt (Pläne: Atelier Manini Pietrini )

    Quer- und Längsschnitt (Pläne: Atelier Manini Pietrini )
Die Konstruktion erhebt sich sieben Meter über der Strasse und ist platzseitig mit Glas und auf der anderen Seite mit Metall verkleidet. Das gleiche Material wurde auch für das Hauptgebäude gewählt, als Anlehnung an die Silberfolie der Schokolade. Das Kontinuum verlängert die südliche Fassade des Gebäudes hin zur Piazza, ein Platz aus bunten, wellenförmig angeordneten Steinpflastersteinen, der für alle Besucher und Dorfbewohner zugäng-lich ist. Ausgestattet ist die Piazza zudem mit grossen «Schokoladen-Bänken» aus Beton, die an Produktionsreste erinnern sollen. Somit stehen die Leichtigkeit und der metallene Charakter des Gebäudes im klaren Gegensatz zur Dichte und Tradition des Steins. Grünflächen beleben den Raum und bieten Schutz zur Strasse hin.

Standort: Grand Rue 21, 2608 Courtelary
Bauherrschaft: Camille Bloch, Courtelary
Architektur: Atelier d’Architecture Manini Pietrini, Neuchâtel
Fertigstellung: 11/2015 bis 10/2017
Gesamtkosten: CHF 26,7 Mio

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