Architektur in Zeiten des Klimawandels

Architektur in Zeiten des Klimawandels

Katharina Weber | 21. Oktober 2019 | Szene

Steigende Temperaturen, veränderte Vegetation und zunehmend extreme Wetterlagen – die Folgen des Klimawandels lassen sich nicht leugnen. Wie müssen unsere Städte und Gebäude organisiert werden, um diesen neuen Herausforderungen gerecht zu werden? Dieser aktuellen Frage widmet sich Architekturprofessor Luca Deon von der Hochschule Luzern.

Event ArchitekturAfterWork in Basel
Beim Event «Architektur After Work» in Basel stellt Architekturprofessor Luca Deon den Mailänder Bosco verticale als eine gelungene Integration von privaten Grünflächen vor. Bild: Daniel Blatti


«Sorgten sich Architekten in unseren Breitengraden früher in erster Linie darum, Städte und Gebäude warm zu halten, wird zukünftig das Kühlen verstärkt in den Fokus rücken», so Architekt Luca Deon anlässlich des Events «Architektur After Work» in Basel. Lernen könne man dabei von den nordafrikanischen Ländern, die sich seit jeher mit dieser Thematik beschäftigen. Durch seine Lehrtätigkeit in Kairo bringt Deon viele Anregungen von dort in die Schweiz mit: «Für die ägyptischen Studierenden ist es selbstverständlich, im Städtebau auf eine gute städtische Durchlüftung mit Flüssen und Strassen zu achten und Wärmeinseln zu vermeiden.» Auch begrünte Fassaden und Dächer sowie öffentliche Grünflächen würden das Mikroklima und die Luftqualität verbessern, indem sie Feinstaub binden und herausfiltern.

Der Mailänder Wohnturm Bosco verticale von Stefano Boeri wäre ein so gelungenes Beispiel, dass neben der Flora auch die Fauna zurückkehrte und mittlerweile sogar grössere Raubvögel den Turm umkreisten.

Wichtig sei ausserdem, die Versiegelung des Bodens zu minimieren. 70 bis 90 Prozent der Niederschläge würden von der Vegetation aufgefangen und durch Verdunstung an die dadurch kühlende Stadtluft zurückgegeben.

Architekturprofessor Luca Deon
An der Hochschule Luzern bietet Professor Luca Deon einen Masterstudiengang «Architektur & Technik» an, in dem sich die Studierenden eingehend mit den Themen Klimawandel, Ressourcenknappheit sowie Klimagerechtigkeit beschäftigen. Bild: Daniel Blatti


Klimagerecht entscheiden
Auch beim Gebäude selbst kann ein Architekt für angenehme Temperaturen sorgen, indem er bei den klimarelevanten Parametern richtig entscheidet. Die Masse eines Gebäudes, seine Kompaktheit sowie seine Ausrichtung wirken sich massgeblich auf das Raumklima aus. «Orientierte man noch vor wenigen Jahren Wohnhäuser bevorzugt mit grossen Fensterflächen nach Süden, wird man in Zukunft den Fensteranteil und dessen Ausrichtung überdenken müssen», so Deon weiter. «Sonnenschutz wird an Relevanz zunehmen, und auch Balkone sollten als Teil der natürlichen Durchlüftung in die Planung des Raumklimas integriert werden.» Allerdings sei dabei auf eine angemessene Verglasung zu achten. Denn mit den zunehmend starken Winden, insbesondere in den immer beliebter werdenden Wohnhochhäusern, «weht es einem sonst im 14. Stock die Wurst vom Grill».

«Free cooling», also eine Methode, um mit niedrigen Aussentemperaturen das Wasser zu kühlen, oder auch Photovoltaik-Systeme mit thermischer Nutzung (PVT-Systeme) könnten die natürliche Lüftung unterstützen.

Zudem helfe die angemessene Materialwahl, die Raumtemperaturen im Zaum zu halten. Massivbauwände eignen sich dank höherer Speicherfähigkeit auch für den Innenbereich. Dämmung muss hinsichtlich ihrer Eigenschaften, ihrer Materialstärke und ihrer Lage neu bewertet werden. Hier zitiert Deon den ägyptischen Architekten Hassan Fathy, der für seine Bauten aus Lehmziegeln bekannt ist: «Gott hat an jedem Ort die Materialien geschaffen, die dafür nötig sind, die Widrigkeiten der Umgebung zu meistern. Die Brillianz eines Architekten liegt darin, die vorhandenen Materialien bestmöglich einzusetzen.»

«Installiert man wieder aufputz, lassen sich Baumaterialien besser recyclen.»

Neben der Wahl lokaler Baumaterialien sei aber auch deren Recyclingfähigkeit relevant. «Installiert man Leitungen wie früher wieder aufputz, können alte Leitungen einerseits viel einfacher ausgetauscht werden, andererseits lassen sich die verschiedenen Materialien beim Abriss besser voneinander trennen und sind dann wiederverwertbar», erklärt Deon.

Bei seinen jüngsten Bauprojekten wie beispielsweise sechs Wohnhäusern in der Wassergasse in Grabs, dem Bürohaus Nolax sowie einem Medienhaus im deutschen Marburg hat Luca Deon bereits viele seiner klimarelevanten Überlegungen umsetzen können.



Den Vortrag hielt Luca Deon beim Event «Architekur After Work» in Basel.
Die Gastgeber des inspirierenden Abends waren:

Reynaers Aluminium AG
Stiebel Eltron AG
Garaventa Liftech AG
Sarna Granol AG
Forbo-Giubiasco AG
Poresta Systems AG


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