«Architekten sollen Traditionen nicht scheuen»

«Architekten sollen Traditionen nicht scheuen»

Katharina Weber | 2. November 2017 | Szene

Berge spielen im Leben des Tessiner Architekten Martino Pedrozzi seit jeher eine tragende Rolle. Wie er zu verlassenen Alpdörfern steht und welche Entwicklung er sich für den Alpenraum wünscht, verrät Pedrozzi im Interview.

Die Projekte des Tessiner Architekten Martino Pedrozzi wurden in den letzten Jahren vielfach ausgezeichnet. Insbesondere ein Projekt liess die Herzen der Juroren höher schlagen, die «Rekompositionen auf den Alpen Sceru und Giumello». Bei diesem Projekt legte der Tessiner die Grundmauern der verlassenen und zerfallenen Alp-Häuschen im Malvaglia-Tal frei und ordnete die alten Steine innerhalb der Perimeter neu an. Die so entstandenen rechteckigen Steinformationen erinnern an Grabplatten, «als ob die Häuser beerdigt worden wären». Die Arbeiten an den steinernen Rekompositionen dauerten viele Jahre, fast fünfzig Freiwillige halfen, obwohl schon der mehrstündige Aufstieg auf die Alpen eine sportliche Herausforderung darstellt. Bei diesen Wanderungen hatte Martino Pedrozzi viel Zeit, über das Bauen in den Bergen nachzudenken. Wir fragen nach.

In Sceru hat Martino Pedrozzi mit Unterstützung zahlreicher Freiwilliger die Steine der zerfallenen Alphütten eingesammelt und neu arrangiert. Links ist der ursprüngliche, rechts der rekomponierte Zustand zu sehen. // © Pino Brioschi


Ihre Beschäftigung mit den Rekompositionen dauerte fast zwanzig Jahre. Woraus schöpften Sie Motivation für dieses Langzeitprojekt?
Ursprünglich waren die «Rekompositionen» nicht als Langzeitprojekt geplant. Die Idee hat sich einfach immer weiter entwickelt. Daher hat mich der Mut nie verlassen. Der erste Gedanke an ein solches Vorhaben kam mir bereits im Jahr 1994, wobei primär nur eine einzige Rekomposition geplant war. Umgesetzt habe ich sie aber erst im Jahr 2000. Wieder einige Jahre später dachte ich, das Projekt könne – grösser angelegt – ein bereichernder Beitrag für die Landschaft der Alpen sein. Aber erst im Jahr 2013 habe ich Freunde und Freiwillige mobilisiert, und wir haben gemeinsam begonnen, die Steine in Sceru und Giumello neu anzuordnen, bis die beiden verlassenen Alpen vollständig «rekomponiert» waren.

Viele Bergdörfer überaltern und werden verlassen. Ist Ihr Projekt «Rekompositionen» als Kritik an dieser Entwicklung zu verstehen?
Meine Arbeit soll keinesfalls als Kritik verstanden werden. Was könnte ich schon am Verlassen der Bergalpen kritisieren? Es ist unmöglich, diese Entwicklung zu verhindern, denn sie folgt einfach dem Lauf der Geschichte. Seit dem Mittelalter wurden die Alpen auf immer gleiche Weise bewirtschaftet. Heute ist diese Art zu leben und Landwirtschaft zu betreiben, zu einem Ende gekommen. Meine Arbeit soll eher als konkrete Antwort auf die aktuelle Realität verstanden werden. Die Rekompositionen sollen auf die Frage antworten, was als nächstes mit diesen Orten passieren könnte. Neben der – wenn Sie wollen – «poetischen» Antwort der Rekompositionen entsteht auch ein ganz praktischer Nutzen. Diese Alpen werden nun von Touristen, Wanderern und Architekten besucht.

Sie haben bei Ihren Rekompositionen ausschliesslich vorgefundenes Material verwendet. Warum?
Mir kam nie in den Sinn, etwas Neues hinzuzufügen, denn das hätte dem Gesamtkonzept widersprochen. Bereits im Titel «Rekompositionen» wird das Konzept erkennbar. Die vorgefundenen Steine werden in einer neuen Form wieder zusammengesetzt, also re-komponiert. Eigentlich ist sogar die Form schon vorgegeben, denn die Steine werden ja nicht beliebig, sondern innerhalb der Grundmauern der Ruinen neu anordnen.

Die Rekompositionen sind als konkrete Antwort auf die Frage zu verstehen, was mit den verlassenen Orten geschehen könnte. Zahlreiche weitere Alpweiler wurden in der Region aufgegeben. // © Pino Brioschi


Wie hat sich Ihr Verhältnis zu Sceru und Giumello im Zuge Ihrer Arbeit verändert? Meine Beziehung zu den beiden Orten hat sich durch die Arbeit sehr stark verändert. Ich komme nicht aus dieser Region, meine Wurzeln liegen in der Leventina. Anfangs erschienen mir Sceru und Giumello wie nette Ausflugsziele, wo man mal mit der Familie am Wochenende zum Wandern hinfährt. Aber die Arbeit in der Region hat mir das Gefühl vermittelt, Teil der Geschichte des Ortes zu werden. Zu meiner Verbundenheit mit der Gegend hat insbesondere der Kontakt zu den Eigentümern der Ruinen beigetragen. Deren Verbindung zur lokalen Geschichte ist natürlich viel länger und intensiver als meine eigene.

Sie leben in Mendrisio, in Ihrer Kindheit haben Sie einige Jahre in Peru verbracht. Berge waren in Ihrem Leben also immer präsent. Inwiefern verändert die Nähe zu den Bergen den Blick auf sie? Oder anders gefragt, schaffen «bergnahe» Architekten bessere Architektur in den Bergen als Architekten aus dem Flachland?
Letztendlich ist gute Architektur immer eine Frage der Feinsinnigkeit und des Einfühlungsvermögens, dafür muss man nicht aus den Bergen stammen. Vielleicht helfen Leidenschaft und Respekt vor den respektive für die Berge, um gute Architektur in den Bergen zu entwerfen, und vielleicht ist diese Leidenschaft eher vorhanden, wenn man aus den Bergen stammt, aber es ist sicherlich keine Bedingung.

Die Architektur in den Bergen bewegt sich zwischen spektakulären Touristenmagneten wie einerseits dem Messner Mountain Museum und andererseits der Architektur eines Gion Caminada, der sich auf traditionelle Bauweisen zurückbesinnt und Bergdörfern neues Leben einhaucht. Welche Entwicklung wünschen Sie sich für den Alpenraum?
Natürlich wünsche ich mir eine Entwicklung, die meiner eigenen Haltung am nächsten kommt. Grob gesagt kann man zwei entgegengesetze Positionen erkennen. Einerseits besteht die Wunsch, modern und anders zu sein, indem neue Methoden und Formensprachen eingesetzt werden, um den Kontrast zwischen Bestand und Neuem zu betonen. Diese Haltung ist mir nicht sehr nahe. Ich denke eher, dass wir Teil der Geschichte sind. Das bedeutet für mich, gerade nicht Kontraste zu inszenieren, sondern eine Verbindung und eine Tranformation des bereits Vorhandenen zu schaffen. Diese Auffassung erscheint mir tiefgründiger und überzeugender, denn durch die intensive Auseinandersetzung mit dem Ort kann das Wesenhafte eher erkannt und herausgearbeitet werden, wodurch ausdrucksstärkere Architektur entsteht. Daher schätze und teile ich die Haltung von Gion Caminada oder Peter Zumthor, die ihren architektonischen Ausdruck im Weiterentwickeln anstatt im Kontrastieren finden.

Mehr Fotos und Pläne hier

© Pino Brioschi

Martino Pedrozzi (*1971 in Zürich) studierte Architektur an der EPFL, bevor er im Jahr 1997 sein Architekturbüro in Mendrisio eröffnete. 1999 verbrachte er drei Monate im Büro Oscar Niemeyer in Rio de Janeiro. Vier Jahre später, 2003, gründete Pedrozzi WISH (Workshop for International Social Housing), ein Projekt der «Accademia di architettura di Mendrisio». 2008 erhielt er den Ehrendoktortitel der «Yerevan State University of Architecture and Construction» in Armenien. Als Gastprofessor unterrichtet Pedrozzi an der «Accademia di architettura di Mendrisio» seit 2016. Neben den Rekompositionen haben zahlreiche Wohnungsbauprojekte Martino Pedrozzi über die Landesgrenzen hinweg bekannt gemacht. Seine Werke wurden vielfach ausgezeichnet, unter anderem mit dem «New alpine Architecture Price», «Swiss art awards», «SIA – Umsicht Regards Sguardi», «Die Besten» und dem «Arc-Award».

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